Phantastik und Heraldik
Überlegungen zu A. Lernet-Holenias
Roman Der Graf Luna
Jean-Jacques Pollet
(aus Winfried Freund, Johann Lachinger und Clemens Ruthner:
Der Demiurg ist ein Zwitter, Wilhelm Fink Verlag)
1
Von den Daten her gehört
Der Graf Luna, der letzte phantastische Roman Alexander
Lernet-Holenias, wohl zur sogenannten 'littérature d'actualité' - der
gegenwartsbezogenen Literatur. 1955 veröffentlicht, handelt er nämlich
retrospektiv von einer Geschichte, die um das Jahr 1940 in Wien anfängt und im
Mai 1954 in Rom ihren Abschluß findet. Dieser geschichtliche Rahmen erlaubt dem
Romancier, auf das, was er selber "die Besetzung des Landes durch die
Deutschen" nennt (GL 36), zurückzukommen; und das Urteil, das er über
diese Periode fällt, entspricht ganz genau seinem schon im vorangegangenen
Roman Der Graf von Saint-Germain geäußerten Denken. Diese 1948
erschienene Fiktion parallelisiert nämlich das Schicksal der Hauptgestalt, des
weltfernen Ästheten Philipp Branis, mit dem des Kaufmannssohnes des Märchens
der 672. Nacht Hofmannstals, das der Text A. Lernet-Holenias fast wörtlich
übernimmt: Die Nazi-Wirklichkeit spielt für Branis dieselbe Rolle wie die
fremde, tückische Stadt für den jungen Kaufmannssohn, nämlich die eines verhängnisvollen
Erlebnisses der Häßlichkeit der Welt. Eine ähnliche Meinung vertritt die
Hauptfigur von Der Graf Luna, ein gewisser Alexander Jessiersky, der
Industrieller wie Philipp Branis ist. Er braucht sich wie dieser nicht viel um
seine Geschäfte zu kümmern, weil das mütterlicherseits geerbte
Transportunternehmen "von selbst lief" (GL 36). Mit dem Nazi-Alltag
konfrontiert, "ging ihm zum erstenmal eine Ahnung von der wirklichen Häßlichkeit
des Lebens auf" (GL42).
Während aber die
Geschichte des Philipp Branis 1938 endet, umfaßt die von Alexander Jessiersky
die darauf folgenden Jahre, die des nazistischen Österreich, des militärischen
Zusammenbruchs, der 'Befreiung' und der Besatzung durch die Alliierten, des
beginnenden kalten Krieges und wirtschaflichen Wiederaufbaus im Rahmen der
Marshallplan-Hilfe. Auffallend ist, daß die Neuordnung der ersten
Nachkriegsjahre vom Standpunkt Alexander Jessierskys aus - und wohl auch des
Romanciers - die prinzipielle Häßlichkeit des Wirklichen nicht aufhebt, ganz
im Gegenteil. Mit völliger Illusionslosigkeit vermerkt er, daß die
amerikanische Besatzungsmacht sehr früh begann, sich von den innenpolitischen
Problemen der Bevölkerung abzuwenden, um allein ihr eigenes, wirtschaftliches
sowie außenpolitisches Interesse gegen ihren bisherigen sogenannten Verbündeten
im Osten zu verteidigen, und damit also sehr bald zu verstehen gab, daß
"der Kampf gegen das Dritte Reich in der Tat nur etwas vorübergehend Überschätztes
gewesen sei" (GL 60). Dies bekräftigt ihn in der Überzeugung, daß die
Welt von heute "eine Welt von Händlern geworden ist, die bloß
zwischendurch Kriege führen" (GL 55). Voll höhnender Verachtung spottet
er außerdem über das Anpassungsvermögen von einigen seiner Landsleute, die
sehr schnell einsahen, daß "die Politik im Begriffe sei, den Spieß, den
sie eben umgedreht hatte, neuerlich, d.h. in seine alte Richtung,
umzudrehen" (GL 69) und sogar so weit gingen, sich öffentlich nach der
guten Zeit zu sehnen, da "die Organisation nicht versagte" (GL 77).
Der Verfallsprozeß, der aus der Sicht Lernet-Holenias bekanntlich mit dem Ende
der Monarchie eingesetzt hat - dieses Gestern ist der Hauptbezugspunkt all
seiner Romane - und in dessen Lauf das Hitlerregime, die Niederlage und das
Chaos der Nachkriegszeit nur Etappen bilden, scheint also unwiederbringlich zu
sein. Das Urteil wird aber hier - vergleicht man mit Die Standarte
(1934), z.B. - ohne Nostalgie und vor allem nicht von einem "reaktionären"
Aristokraten ausgesprochen, sondern, wie in Der Graf von Saint-Germain,
gerade von einem "Händler", der an der Entwicklung der neuen Zeit
teilhat und seinen Bedenken zum Trotz sogar zynisch davon profitiert. Paradox,
und nicht mehr fremd, steht nun der Holeniasche Held der Gegenwart gegenüber.
Angesichts der Häßlichkeit
der Welt bzw. der Realität des Faschismus erscheint nun Alexander Jessiersky
auf jeden Fall viel schlimmer kompromittiert als Philipp Branis. Die Tatsachen
sind folgende: Nach der Eingliederung Österreichs in das Dritte Reich konnte
sich selbst dieser "hartnäckig Untätige" der allgemeinen Sucht, tätig
zu sein, nicht erwehren. Um das Jahr 1940 überredeten ihn seine Direktoren,
bestimmte Grundstücke für die Errichtung neuer Lagerhäuser zu erwerben. Diese
Grundstücke gehörten einem gewissen Grafen Luna, der sich bald weigerte, die
von seiner Mutter geerbten Güter zu verkaufen; Jessierskys Direktoren erklärten
sich aber bereit, ihn dazu zu zwingen - was sei schließlich der Wunsch eines
einzelnen "gemessen am Expansionsbedürfnis eines großen
Unternehmens!" (GL 38). Obwohl Jessiersky damit nicht übereinstimmte, ließ
er seine Leute gewähren. Als er erfuhr, daß der Graf Luna nicht nur enteignet,
sondern durch die Geheime Staatspolizei in das Zwangsarbeitslager Mauthausen
geschickt worden war, erwachte er aus seiner Gleichgültigkeit, aber da war es
schon zu spät. Er setzte nun alles in Gang, um Luna freizubekommen, aber
vergeblich. Sogleich nach dem Zusammenbruch gehörte es für Jessiersky zu den
ersten Dingen, Erkundigungen einzuziehen, ob Luna lebend davongekommen sei.
Wiederum ohne Erfolg: Der Gesuchte fand sich nicht "unter den lebenden
Skeletten", "es blieb nur noch der Schluß übrig, daß er, in der
allgemeinen Verwirrung der letzten Kriegswochen, verhungert war oder ermordet
worden sein mochte, und daß man ihn, ohne ihn zu registrieren, verbrannt,
beziehungsweise verscharrt hatte, unbekannt wo" (GL 59).
Alexander Jessiersky
wurde also zum Mitschuldigen "aus Indolenz" (GL 38): "er
sagte sich, daß er, wenngleich er persönlich nichts getan hatte, oder eben
deshalb, alles versäumt habe, was wirklich zu tun gewesen wäre" (GL 39).
Das, was in einem ästhetisierenden Weltbild unter Umständen als eine mehr oder
weniger positive Eigenschaft hätte gelten können, insofern als sie ein
distanziertes Verhältnis zur Wirklichkeit impliziert und dem Betroffenen es
erlaubt, Inicht ganz im Gegenständlichen verfangen zu sein" (GL 26), wird
hier, am Beispiel des Helden, als fragwürdig hingestellt. Indolenz ist tatsächlich
bei Alexander Jessiersky kein Merkmal von Überlegenheit, sondern vielmehr eines
Mangels, der sich aus der frühen Kindheit herleitet: "Man könnte sich
fragen, wen denn der Knabe überhaupt liebte. Er liebte niemanden. Er war eines
jener Kinder, die sehr bald zu merken haben, daß sie nur für sich allein da
sind. Ohne Träumer zu sein, haben sie wenig oder kaum Beziehung zur Welt, wie
sie ist - eher noch zu einer Welt, wie sie gewesen" (GL 23). Es ist, als ob
Lernet-Holenia mit dem Fall Alexander Jessierskys vor einem Mißverständnis der
ästhetisch-aristokratischen Haltung warnen wollte: Distanziertheit darf nicht
auf Unverantwortlichkeit hinauslaufen.
Von dem Augenblick an,
da Luna als "verschollen- gilt - das heißt unter den Lebenden nicht mehr
zu finden ist, ohne jedoch offiziell zu den Toten zu zählen -, setzt das
Phantastische ein. Der sich schuldig fühlende Alexander Jessiersky wird sich in
der Nachkriegszeit den Nachstellungen des 'untoten' Luna ausgesetzt wähnen.
2
Um das Thema des
Wiedergängers, die Idee, daß einer, der tot ist bzw. schon längst tot sein müßte,
wieder zu leben beginnt, kreisen mehrere Romane A. Lernet-Holenias (vgl. Berg
1991, 175). In Mars im Widder kehrt die gestorbene Cuba am Ende
(zumindest scheinbar) zurück; Der Graf von Saint-Germain gibt vor, im
Laufe der Zeit in den verschiedensten Gestalten erschienen zu sein, Der Mann
im Hut ist augenscheinlich eine Wiederverkörperung der mythischen Figur von
Hagen usw.
Läßt sich der Roman
des Revenants Luna auf das traditionnelle Modell einer Gespenstergeschiche zurückführen?
Das Motiv erscheint hier in der Semantik, im Stoff vertraut - die Rache aus dem
Jenseits ist Thema zahlloser Gespenstergeschichten -, doch in der Erzählweise
eigenartig.
90% oder noch mehr
aller Gespenstergeschichten - so stellt mit Recht H. R. Brittnacher fest - sind
Ich-Erzählungen, und zwar schon einfach deshalb, weil die Ich-Erzählung Glaubwürdigkeit
erpreßt, "der Königsweg phantastischer Beglaubigungsstrategien" ist.
(Brittnacher 1994, 207) In Der Graf Luna wird nun in der Tat weitgehend
personal erzählt - der Leser sieht sich auf die Perspektive, den
Wahrnehmungshorizont und die Gedanken von Alexander Jessiersky angewiesen. Doch
bleibt diese "innenperspektivische Erzählung" nicht unberührt von
auktorialen Reflexionen, die keinen Zweifel darüber lassen, daß wir es hier,
von vornherein, mit einem schuldhaften Verfolgungswahn zu tun haben. Einschübe
wie "ohne sich der Unsinnigkeit solcher Gedanken bewußt zu werden..."
(GL 118), Kommentare wie "auf den Gedanken, daß die ganze Geschichte auch
unabhängig von Luna, daß sie zufällig passiert sein könnte, kam er
nicht" (GL 127) begleiten in mehrfach abgewandelter Form die Erzählung.
All diese Signale relativieren die emotional-subjektive Sichtweise der
Romanfigur und lassen sie als fixe Idee erkennen. Von einer leserbezogenen
"Unschlüssigkeit" im Sinne von T. Todorov, das heißt begrenzt auf
eine Ambivalenz zwischen natürlicher und übematürlicher Auflösungsmöglichkeit
der dargestellen Ereignisse, darf also hier kaum die Rede sein. Das Subjekt
Alexander Jessiersky hat hier übrigens so viel Luzidität, um sich seiner
Paranoia bewußt zu werden und sich selbst zu gestehen, daß Luna schließlich
nur ein fürchterliches Abbild der eigenen Seele ist, daß das Gespenst des
Wiedergängers nur als Phantasma existiert: Über all seinen Grübeleien über
Lunas Genealogie "begannen dessen Vorfahren, je mehr er auf die Spur kam,
mit seinen eigenen Vorfahren zu verschwimmen; nicht nur sie und die Zeiten, auch
die Orte und Luna und er, Jessiersky, selbst, all dies fing in seinem Geiste an,
ineinander überzugehen" (GL 85); dies alles "bestätigte Jessiersky
in seinem geheimnisvollen Einssein mit seinem tödlichsten Feinde" (GL 89).
Das Spekulieren über die Genealogie - eine Besessenheit Lernets, die sich in
allen seinen Romanen wiederfindet, hier aber noch stärker präsent ist als
anderswo - versteht sich als eine Imaginationsarbeit', wobei die Chronologie
sich in Etymologie, in Mythologie aufhebt - Luna bedeutet schließlich einfach
"der Mond", "die Schattenseite der Wirklichkeit".
Nicht nur die Erzählweise,
sondern auch die Fabel selbst ironisiert den Revenant, den Wiedergänger. Es
stellt sich nämlich heraus, daß jede vermeintliche Erscheinung des Gespenstes
letzten Endes auf einer Täuschung beruht und ins Groteske mündet. Exemplarisch
dafür sind die Kapitel 5 und 6, die das Schema der Gespenstergeschichte
offenbar parodieren. Während Alexander Jessiersky eines Abends in seiner
Bibliothek des Palais Strattmann saß, damit beschäftigt, "sich
genealogisch mit Luna zu befassen" (GL 86), hörte er eine Art Herumtappen
aus dem Dachgeschoß; er erhob sich, um das seltsame Geräusch abzustellen, aber
kaum hatte er die Tür erreicht, als "das tappende Individuum" schon
die Stufen hinuntergeeilt und aus dem Haustor hinausgetreten war; Alexander
Jessiersky verhörte am folgenden Tag ergebnislos sein ganzes Hauspersonal über
diesen seltsamen nächtlichen Besuch; einige Wochen später hörte er wiederum
die Schritte, diesmal mit einem metallischen Geklirr, "als ob oben ein
Geharnischter gehe. Es war aber auch ein Geharnischter, der da oben ging und
weil er geharnischt war, konnte es nur Luna sein" (GL 118). Jessiersky
wollte nach einer Waffe greifen und fand nichts Besseres als eine der Scheren,
die auf dem Toilettentisch lagen. Er rannte seinem tödlichen Feind im Dunkeln
nach, folgte ihm auf die Straßel holte ihn ein und stieß ihm die Schere ins
Genick. Als er aber die Leiche herumdrehte, sah er, daß der Mensch, den er eben
getötet hatte, gar nicht Luna war, sondern ein gewisser Baron Spinette, von dem
es sich erweisen sollte, daß er der Liebhaber seiner Frau Elisabeth war, den
sie ab und zu in einem der Fremdenzimmer des obersten Stockes empfing.
Auf einer ebenso
tragikomischen Verwechslung basiert die nächste (und letzte) Erscheinung Lunas.
Um nach dem Mord an Spinette zu verschwinden, zog sich Alexander Jessiersky mit
seiner Familie auf sein Alpengut Zinkeneck zurück. Eines Tages erfuhr er von
seinem Verwalter, daß Jagdgäste aus dem Nachbarrevier, weil dort kaum Wild
mehr vorhanden war, auf das Gebiet von Zinkeneck herüberzukommen pflegten und
daß einer von ihnen Graf Luna hieße. Jessiersky versah sich dann sofort mit
Gewehr, Rucksack und Feldglas und ging ohne Begleitung in die einsame Gegend der
Almfelder hinauf; nachdem er eine Zeitlang auf der Lauer gelegen hatte,
entdeckte er schließlich eine Gruppe von drei Menschen, die sich aus der
Nachbarjagd heranbewegte; in dem Glauben, Luna unter ihnen zu erkennen, schoß
er auf sie; einer von den dreien stürzte nieder, während die zwei anderen die
Flucht ergriffen; es stellte sich bald heraus, daß hier wiederum ein Irrtum
seitens Jessierskys vorlag: Der Tote war ein einfacher Jäger aus dem Dorfe,
namens Eisl, "Vater von fünf unmündigen Kindern" - und "auf dem
Lande", notiert sarkastisch der Text, "haben Leute, die ums Leben
kommen, grundsätzlich ihrer mindestens fünf" (GL 169); was nun den
jagdgast betraf, der tatsächlich Luna hieß, so war er alles andere als der
Todfeind Jessierskys, sondern vielmehr ein wirklicher Graf Luna aus dem in jedem
Hofkalender vermerkten spanischen Hause (GL 170).
Nicht nur daß
Alexander Jessiersky zweimal hintereinander sozusagen versehentlich den Falschen
erschlug, am Ende beging er beim Versuch, den Folgen seiner früheren Übeltaten
zu entgehen, sogar noch einen dritten Mord, und zwar an einem Kommissär
Achtner, der im Begriffe war, ihm den Mord an dem Baron Spinette und an dem Jäger
Eisl nachzuweisen.
Aus der
Gespenstergeschichte wird also ein Kriminalroman. Nach der geläufigen
Einteilung der Kriminalliteratur in drei Erzählarten -
"detective-story", "thriller" und "suspense" (je
nachdem, ob die Erzählung auf die Figur des Detektivs, des Verbrechers oder des
Opfers fokalisiert wird) - hätten wir es hier zunächst mit einern
humoristischem Gemisch von "thriller" und "suspense" zu tun:
Das vermeintliche Opfer wird zum reellen Mörder, um die vermeintliche Gefahr,
die es tatsächlich zu laufen glaubt, zu bannen. Im ersten und im vorletzten
Kapitel des Romans, welche die innenperspektivische Geschichte Jessierskys
umklammern, wird dann der Standpunkt des Detektivs eingenommen, und zwar durch
die Gestalt eines gewissen Dr. Julius Gambs, aus der Abteilung 2 des österreichischen
Innenministeriums, der zuerst in Wien und dann in Rom die polizeiliche
Untersuchung über das Verschwinden von Alexander Jessiersky führt - nicht ohne
daß selbst diese Figur eines zwar sehr gewissenhaften, aber vorwiegend an
erotischer Literatur interessierten Beamten lächerlich gemacht wird. Alle
Varianten der Kriminalliteratur werden also in Der Graf Luna in
ironischer Brechung ausgebeutet. Die Kriminalliteratur bildet sozusagen die
Kehrseite, die triviale Realität, den ironischen Rest einer unwahrscheinlichen
Gespenstergeschichte. Man erinnert sich in diesem Zusammenhang an andere Romane
Lernet-Holenias, wie Ich war Jack Mortimer (1933) oder Beide Sizilien
(1942).
Bedeutet das aber, daß
die Phantastik damit endgültig desavouiert wäre? Wir glauben es nicht. Nur ist
das Moment der Verunsicherung in dieser WiedergängerGeschichte als unabhängig
von einem ambivalenten Existenzmodus des Wiedergängers selbst aufzufassen.
3
Es sei zunächst
vermerkt, daß die Tatsache, daß Luna realiter schon längst gestorben ist und
nur als Phantasma im Verfolgungswahn der Hauptfigur lebt, ihm keineswegs seine
Bedrohlichkeit raubt.
Alexander Jessiersky
wird zum Mörder, um der eingebildeten Verfolgung durch Luna zu entgehen; damit
wird er aber erst recht zum wirklich Verfolgten, und zwar durch die polizeiliche
Behörde. Die Frage nach dem Existenzmodus von Luna - ob Phantasma, ob Realität
- ist dann insofern überflüssig, als die von ihm inkarnierte Drohung sowieso
Wirklichkeit geworden ist: "er hatte das bestimmte Gefühl, nicht die
Polizei, sondern Luna sei ihm auf den Fersen" (GL 186). Dies erinnert an
das Paradox des Mordes, den Philipp Branis in Der Graf von Saint-Germain
an Karl des Esseintes begeht: Das bedrohliche Potential der Vergangenheit - hier
unter der Form einer Prophezeiung des mythischen Grafen von Saint-Germain - wird
dadurch nicht vermindert und entkräftet, sondern erst recht erfüllt und
aktiviert. Der Mord erscheint in beiden Fällen als ein kläglich scheiternder
Versuch, doch noch der Last der Vergangenheit zu entkommen und die eigene Souveränität
zu beweisen.
Das letzte Kapitel des
Romans wirft übrigens ein neues Licht auf die Absurditäten der Handlungen
Jessierskys, "die Unregelmäßigkeiten seines Charakters" (GL 17). Es
spielt in den Katakomben Roms und liefert zunächst einmal den Epilog zu der
kriminellen Intrige. Alexander Jessiersky, der nun von der Polizei tatsächlich
verfolgt wird, hofft dort seine Spur verwischen zu können; geplant hat er, daß
man ihn offiziell für tot hält, was ihm ermöglichte, dann unter einem
falschen Namen nach Südamerika zu fliehen. Aber gerade das, was er nur hat vortäuschen
wollen, wird Tatsache: Alexander Jessiersky verliert sich in seiner Irrfahrt
durch die Unterwelt und wird niemals mehr zurück ins Freie gelangen, wieder ans
Licht kornmen. Auktorial werden nun "die letzten Stationen seines
Weges" erzählt, wie er im Delirium ins Reich der Toten hinüberdämmert.
Kurz vor seinem Sterben wird ihm eine Vision geliehen, die einen Bogen zum
Anfang des Romans spannt, zum zweiten Kapitel, das von Jessierskys Vorfahren,
von dessen einsamer Knabenzeit und konfliktgeladenem Verhältnis zum Vater
spricht. Obwohl dieses ganze, aus Kleinrußland gebürtige Geschlecht von
"Mitgiftjägern" ihm immer als anrüchig erschien, blieben die Gefühle
des Knaben seiner Familie gegenüber zweideutig. Einerseits hatte er zwar den
Eindruck, "daß er nicht zu diesen Vorfahren gehörte" (GL 29), und
seinen eigenen Vater fand er sogar "auf entschiedene Weise ekelhaft"
(GL 22); andererseits stimmte ihn das aber traurig: "Er mochte sich
hundertmal sagen, daß sie zweifelhaft, ja daß sie ausgesprochen verdächtig
gewesen waren - ihre Zweifelhaftigkeiten, ihre Unanständigkeiten wogen seine
Enttäuschung, seinen Schmerz über den Umstand nicht auf, daß sie ihn, wie er
zu wissen glaubte, ablehnten" (GL 29). Beim Tode seines Vaters malte sich
der Knabe "ein phantastisches Polen" aus, in welchem sich die
Jessierskys wie in einer Art von jenseits aufhielten und aus dem der
Todesschlitten gekommen war, um den Sterbenden zu holen - einem jenseits, zu dem
er leider, so glaubte er, selber keinen Zutritt haben sollte. Nun, kurz vor
seinem eigenen Tode in den Katakomben Roms, erlebt Alexander Jessiersky in einer
Art halluzinierter Vision, wie er selbst gleichfalls von einem Schlitten
abgeholt wird, alle seine Vorfahren und seinen verstorbenen Vater auf dessen
einstigem Gut in Polen wiedertrifft, die ihn versöhnend empfangen und ihm
beteuern, daß er sich diesem "Jessierskyschen Himmel" durch
"seine Geschichten mit Spinette und Eisl und Achtner" - durch sein
kriminelles Handeln also -, zu guter Letzt noch verdient gemacht hat,
"wenngleich er ursprünglich gar nicht daran gedacht hatte" (GL 225).
Welche Lehre soll man
aus dieser vom Dichter selbst als "rückständig" zugegebenen
Vorstellung des Todes ziehen? Welchen Weg man auch einschlägt, das Leben kommt
einer Fatalität gleich. Alles ist geheimnisvoll prädestiniert und schon
"gegeben", ohne daß man sich dessen bewußt wird. Nun darf man das
nicht mit Determinismus verwechseln: Alexander Jessiersky ist nicht deshalb zum
Kriminellen geworden, weil seine Vorfahren schon verdächtig waren, weil er also
irgendwie erblich belastet wäre. Mit Naturalismus hat das Holeniasche Weltbild
bei weitem nichts zu tun! Bestimmend ist nicht die Genealogie an sich, sondern
das Bild, das man sich aus ihr macht, eine Art Heraldik also, die man sich
selber erbaut. All das, was Alexander Jessiersky in seinem Leben begangen hat,
seine ganze Pseudo-Wiedergänger-Geschichte mit Luna, war im Rückblick nur eine
Weise für ihn, auf unbewußtem Um- und Irrwege dieser seiner eigenen Heraldik
zu "entsprechen".
Die Verwandtschaft
Lernet-Holenias mit seinem Freund Leo Perutz liegt hier auf der Hand. Auch die
Romane von Perutz schöpfen aus dem klassischem Motivinventar der Phantastik,
das sie dann zugunsten der Inszenierung einer schuldhaften privaten Fatalität
abwandeln, sei es im Falle von Grumbach in Die dritte Kugel, Yosch in Der
Meister des jüngsten Tages, Demba in Zwischen neun und neun oder
auch Jochberg in St. Petri-Schnee. Bei den beiden Autoren geht nun dieser
von dem bedrohlichen Potential der Vergangenheit herrührende Fatalismus, der
selbstverständlich jeweils eigenartiger Färbung ist - Stephan Berg weist hier
mit Recht darauf hin, daß "das Ich in Perutz' Texten, grob gesagt, an
einem Zuwenig an Erinnerung leidet, das Ich bei Lernet-Holenia an einem Zuviel"
(Berg 1991, 199) -, mit Geschichtspessimismus einher. Vor diesem Hintergrund
wird aber dem Individuum nicht genau derselbe Entscheidungsraum zugestanden. Bei
Perutz wird dem Helden praktisch jede Bewegungsfreiheit abgesprochen: Die
komplexe, eingeschachtelte narrative Struktur des Romans Zwischen neun und
neun etwa veranschaulicht - so Hans Harald Müller - die Idee, daß, wenn
dem Helden sozusagen ein zweites Leben gegeben worden wäre, dieses genauso wie
das erste verlaufen würde (Müller 1993, 78-93). Bei A. Lernet-Holenia dagegen
wird schon mit Der Graf von Saint-Germain aber insbesondere mit Der
Graf Luna klar, daß das Ausgeliefertsein des Individuums an eine private
Fatalität eine gewisse Verantwortung vor der Geschichte nicht aussschließt.
Wenn es auch nur als ein Moment in der Realisierung seiner 'Heraldik' erscheint,
ist Jessierskys Reue wegen seiner Indolenz dem Faschismus gegenüber nicht
politisch indifferent. "Zwar gibt es Grenzen zwischen dem Erlaubten und dem
Verbotenen, wer wollte das bestreiten [...] [aber] schließlich mag es, wenn
nicht geradezüi Glück oder Unglück, so doch Schicksal sein, ob wir das
Verbotene tun oder das Erlaubte. Wir wären nicht aufrichtig gegen uns selbst, gäben
wir das nicht zu. Aber daß wir für das, was wir tun, nicht, oder nicht ganz,
verantwortlich sind, verhindert dennoch nicht, daß wir dafür zur Verantwortung
gezogen werden" (Die Inseln unter dem Winde, 1952).
Die hier skizzierten Überlegungen
zu Lernet-Holenias Roman Der Graf Luna dürfen sich als eine Glosse
(unter anderen) zum phantastischen Erzählen in Österreich nach 1945 verstehen.
Lernet-Holenia ist unseres Erachtens kein bloßer Epigone der sogenannten
"phantastischen Literatur der frühen Moderne", deren Welle im Fin de
siécle anhebt und bis in die Jahre um 1930 andauert. Seine Einzigartigkeit
diesen Vorgängern gegenüber beruht darauf, daß die Phantastik bei ihm nicht
mehr unmittelbar mit der Problematik (und den Effekten) des Übernatürlichen
gekoppelt ist. Er fällt aber nicht deshalb dem Parodistischen z. B. eines H.C.
Artmann anheim, der mit den Klischees, den Resten einer trivialisierten
Phantastik nur spielt. Die phantastischen Motive bringen bei ihm noch ihren
Eigenwert mit. Doch deren distanzierte erzähltechnische Gestaltung läßt
erkennen, daß die wahre Verunsicherung in der Einbindung des einzelnen in
versteckte, nur erahnbare Zusammenhänge und im rätselhaften Gang der Welt gründet,
wie sie das Incipit von Mars im Widder im Bezug auf einen anderen Zeitpunkt
beschreibt: "Zu Anfang des Sommers 1939 entschloß sich die Hauptperson -
um nicht zu sagen: der Held - dieses Berichtes [...] eine soldatische Übung, zu
der er verpflichtet war, mit dem 15. August zu beginnen. Er hätte aber
schwerlich angeben können, warum er diesen und nicht irgendeinen anderen
Zeitpunkt gewählt hatte [...]" Eine Erzählstrategie, welche dem Interesse
des heutigen lateinamerikanischen "magischen Realismus" etwa eines
Gabriel Garcia Märquez begegnet und bestätigt, daß moderne Phantastik, wie es
Clemens Ruthner schreibt, "das Andere nicht mehr im jenseits sucht, sondern
im Diesseits eines labyrinthischen Bewußtseinstromes und seiner
Traumlogik" (Ruthner 1993, 184).
Literatur
Primärliteratur
Sekundärliteratur
-
Berg, Stephan: Schlimme
Zeiten, böse Räume. Zeit- und Raumstrukturen in der phantastischen
Literatur des 20. Jahrhunderts. Stuttgart: Metzler 1991.
-
Brittnacher,
Hans Richard: Ästhetik des Horrors. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
1994.
-
Müller,
Hans-Harald: Structure narrative et interpritation du roman 'Le
Tour du cadran'. In: Pollet, Jean-Jacques (Hrsg.): Leo Perutz
ou Vironie de l'Histoire. Rouen: PUR 1993, S, 78-93.
-
Ruthner,
Clemens: Wort-Magie. Glossen zum 'phantastischen' Erzählen in Österreich
nach 1945 (H.C. Artmann, Th. Bernhard). In: Auckenthaler,
Karlheinz (Hrsg.): Die Zeit und die Schrift. Österreichische
Literatur nach 1945. Szeged: University Press 1993 (Acta
Germanica 4), S. 175-185.
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