Kurzbiographie
von Patrice Blaser und Manfred Müller
| 1897 | Am 21 . Oktober wird Alexander Maria Norbert Lernet in Wien geboren. Seine Mutter, die verwitwete Sidonie Boyneburgk-Stettfeld, geb. Holenia, ist in zweiter Ehe mit dem Linienschiffleutnant Alexander Lernet verheiratet. Die Ehe, erst kurz vor Alexanders Geburt geschlossen, wird bald wieder geschieden, was das Gerücht entstehen läßt, daß ein habsburgischer Erzherzog der Vater des Kindes sei. Diese Frage wird den Autor sein Leben lang beschäftigen. | For a short English biography see "The Internet Movie Database". Once the homepage of the
Internet Movie Database is open, go to "SEARCH" or "ABFRAGE" and fill
in "Lernet" into the "Cast/crew" or "Filmcrew" box. Then
start your search. |
| 1915 | Nach einer Kindheit, die von Übersiedlungen und Schulwechseln geprägt
ist (Wien, Klagenfurt, St. Wolfgang), maturiert Alexander im Juli in Waidhofen an der
Ybbs. Er inskribiert Rechtswissenschaften an der Universität Wien, meldet sich aber im September als Einjährig-Freiwilliger und tritt seinen Dienst beim Dragonerregiment No. 9 ,,Erzherzog Albrecht" an. |
|
| 1916-1918 | Ab dem 20. Juli 1916 ist der junge Fähnrich Lernet in Polen, der
Slowakei, Rußland, der Ukraine und Ungarn im Feld. Während dieser Zeit schreibt er Gedichte; eines davon, die ,,Himmelfahrt Henochs", schickt er 1917 an Rainer Maria Rilke. |
|
| 1919 | Nach der Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg übersiedelt Lernet nach Klagenfurt. Er nimmt am Kärntner Abwehrkampf teil und lernt Emil Lorenz (1889-1962), Johannes Lindner (1896-1985) und Josef Friedrich Perkonig (1890-1959) kennen; vor allem der Schriftsteller und spätere Kärntner Volksbildungsreferent Lorenz wird zu einem engen Freund. | |
| 1920 | Lernet wird von der begüterten, in Kärnten ansässigen, Familie seiner
Mutter adoptiert und trägt seither den Doppelnamen Lernet-Holenia. Im gleichen Jahr entschließt er sich, ,,freier Schriftsteller und Übersetzer" zu werden. |
|
| 1921 | Der in sehr kleiner Auflage in der Wiener Literarischen Gesellschaft (WlLA) publizierte Gedichtband ,,Pastorale" ist das erste Buch, das Lernet-Holenia veröffentlicht. | |
| 1923 | Lernet-Holenia, der ursprünglich der evangelischen Konfession
angehörte, konvertiert zum Katholizismus. Im Insel-Verlag erscheint ,,Kanzonnair", ein Gedichtband, für dessen Erscheinen sich Rainer Maria Rilke, dem das Buch auch gewidmet ist, sowie Hermann Bahr vehement beim Verlag eingesetzt haben. Trotz der prominenten Fürsprecher ist das Publikumsinteresse vorerst gering. |
|
| 1926 | Nachdem Lernet-Holenia bereits 1925 ein erstes Drama ,,Demetrius" geschrieben hat, folgen in diesem Jahr mit den Komödien ,,Ollapotrida" und ,,Österreichische Komödie" zwei Kassenschlager, die dem jungen Autor den renommierten Kleist-Preis einbringen und ihn berühmt machen. Im selben Jahr verläßt er Kärnten und zieht nach St. Wolfgang, wo seine Mutter eine Villa am See besitzt. | |
| 1928 | Lernet-Holenia lernt in St. Wolfgang Leo Perutz (1882-1957) kennen, der
für ihn ebenso zum Freund wie zum Vorbild wird. Gemeinsam mit Stefan Zweig schreibt er unter dem Pseudonym Clemens Neydisser das Stück ,,Gelegenheit macht Liebe" (oder ,,Quiproquo"). |
|
| 1930 | Als das gemeinsam mit Paul Frank verfaßte Stück ,,Attraktion" vom Literaturkritiker Bernhard Diebold, der ihn vier Jahre vorher für den Kleist-Preis vorgeschlagen hat, als Plagiat verunglimpft wird, will Lernet-Holenia den Preis im Zorn zurückgeben und verursacht damit einen Skandal. | |
| 1931-1938 | In den dreißiger Jahren schreibt Lernet-Holenia zahlreiche Bücher in
verschiedenen Gattungen: es erscheinen zehn Theaterstücke, ein Gedichtband, mehrere
Erzählungen sowie elf Romane, darunter so erfolgreiche wie ,,Die Abenteuer eines jungen
Herrn in Polen" (1931), ,,Ich war Jack Mortimer" (1933) oder ,,Die
Standarte" (1934), die alle auch verfilmt werden. Die Einnahmen daraus ermöglichen es dem Autor, viele Reisen zu unternehmen. Lernet-Holenia verkehrt mit berühmten Kollegen wie Carl Zuckmayer (1896-1977), der seit 1933 im nahe bei St. Wolfgang gelegenen Henndorf lebt, oder Ödön von Horváth (1901-1938), dessen Trauzeuge er 1933 ist. |
|
| 1939-1940 | Nach der Rückkehr von einer mehrmonatigen Amerikareise wird er zu einer
Waffenübung eingezogen, kurz darauf bricht der Zweite Weltkrieg aus. Am zweiten Tag des
Polenfeldzugs verwundet, wird er nach Berlin beordert und zum Chefdramaturgen der
Heeresfilmstelle ernannt. Von da an ist er ,,unabkömmlich" und hat Zeit und Geld -
seine Arbeit ist sehr gut bezahlt , um sich der Literatur zu widmen. Beim Schifahren in Kitzbühel lernt er die Berlinerin Eva Vollbach, seine spätere Frau, kennen. |
|
| 1941 | Der Roman ,,Mars im Widder", in dem der Polenfeldzug detailgetreu beschrieben ist, wird in der Zeitschrift ,,Dame" abgedruckt, die Buchausgabe wird jedoch noch vor der Auslieferung verboten und in einem Lager in Leipzig deponiert, das bei Luftangriffen 1943/44 zerstört wird. | |
| 1942-1944 | In einem Brief an seinen Verleger Peter Suhrkamp schreibt Lernet-Holenia
1942: ,,Die Situation, wenn sie nicht weiterhin gestört wird, könnte ideal sein: ich
lebe von Films und arbeite jahrelang an einem Buch, das zum wirklichen Kunstwerk werden
kann." Dieser Roman, ,,Beide Sizilien", wird schließlich zu einem Werk, das nach Hilde Spiel ,,alles übertrifft, was Lernet-Holenia sonst mit epischen Mitteln auszudrücken versuchte." In Berlin hat Lernet-Holenia Kontakt zu Gottfried Benn (1886-1956) und Alfred Kubin (1877-1959). |
|
| 1945-1951 | Nach dem Krieg lebt er gemeinsam mit Eva, die er im Oktober 1945
heiratet, in St. Wolfgang. In verschiedenen Verlagen erscheinen Gedichte und Erzählungen,
die Lernet-Holenia während des Krieges zurückgehalten hat. Mit der Devise ,,In der Tat
brauchen wir nur dort fortzusetzen, wo uns die Träume eines Irren unterbrochen
haben" wird er zu einer Symbolfigur des literarischen Wiederaufbaus. Er gehört zu den dominierenden Persönlichkeiten im deutschsprachigen Kulturbetrieb, erhält Literaturpreise und wird korrespondierendes Mitglied der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Seine Bedeutung illustriert ein Ausspruch Hans Weigels von 1948: ,,Die österreichische Literatur besteht derzeit aus zwei Autoren, aus dem Lernet und dem Holenia." |
|
| 1952 | Lernet-Holenia und seine Frau ziehen in eine Wohnung in der Wiener Hofburg. Hier verbringen sie von nun an die eine Hälfte des Jahres, die andere nach wie vor in St. Wolfgang. | |
| 1954 | Ab 1954 ist Lernet-Holenia zehn Jahre lang Mitherausgeber der von Friedrich Torberg gegründeten Zeitschrift ,,Forum". | |
| 1955 | In diesem Jahr erscheint neben dem von der Kritik gelobten ,,Graf Luna" noch ein zweiter Roman ,,Das Finanzamt". Dieses Pamphlet gegen die österreichischen Steuerbeamten ist symptomatisch für das Alterswerk Lernet-Holenias, der mit seinen Büchern immer öfter Privatfehden austrägt. Seine Angriffsziele sind dabei nicht nur offizielle Stellen, sondern auch die Presse, Schriftstellerkollegen oder die Familie Habsburg. | |
| 1957-1968 | Beim Begräbnis von Leo Perutz hält Lernet-Holenia die Grabrede, dessen
letzten Roman ,,Der Judas des Leonardo" bereitet er zur Publikation vor. Anläßlich seines 60. Geburtstages wird er mit dem Großen Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet, kurze Zeit später mit dem Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst der Republik Österreich, welches er allerdings, nach neuerlichen Streitigkeiten mit der ,,Finanz-SS", wie er die Steuerbehörde von nun an nennt, zurückgibt. In den folgenden Jahren erhält er weitere Ehrungen wie den Großen Österreichischen Staatspreis (1961) oder die Ehrenmedaille in Gold der Stadt Wien (1967). Literarisch ist Lernet-Holenia nach wie vor sehr produktiv: neben mehreren Übersetzungen erscheinen die Biographien ,,Prinz Eugen" (1960) und ,,Naundorff" (1961) sowie einige historische Romane und Dramen. Daneben ist er ein gefürchteter Artikel- und Leserbriefschreiber. |
|
| 1969-1976 | Nach dem Tod Franz Theodor Csokors (1885-1969) wird Lernet-Holenia zu
dessen Nachfolger als österreichischer PEN-Club-Präsident gewählt. Aus Protest gegen
die Verleihung des Literaturnobelpreises 1972 an Heinrich Böll tritt er von seinem Amt
zurück; durch diese Aktion, die zum Anlaß der Abspaltung der Grazer Autorenversammlung
vom PEN-Club wird, fühlen sich selbst seine engsten Freunde vor den Kopf gestoßen. In der Folge zieht sich der bereits schwer kranke Autor immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Am 3. Juli 1976 stirbt er an Lungenkrebs. Er wird auf dem Hietzinger Friedhof in einem Ehrengrab beigesetzt. |