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Zum hundertsten Geburtstag des Schriftstellers
Alexander Lernet-Holenia
(Geb. am 21. Oktober 1897, gest. am 3. Juli 1976)

Dr. Gertraud Steiner, Bundespressedienst

"Denn von Natur aus stellt der Dichter sich niemandem andern zur Verfügung als sich selbst oder, bestenfalls, seinen Göttern."
Alexander Lernet-Holenia in einem Brief an Gottfried Benn am 27. Mai 1933

Mit seinen zahlreichen Romanen, Theaterstücken, Gedichtbänden und Filmdrehbüchern ist Alexander Lernet-Holenia einer der produktivsten und auch erfolgreichsten österreichischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts: eine "unzeitgemäße" Persönlichkeit, die sich ohne Anpassung an Ideologien durch die Jahrzehnte sich selbst, aber auch der Idee des "alten Österreich" treu blieb, mehr noch, diese gleichsam verkörperte: ". . . der Heurige und die Reichsbrücke, es zählen auch Menschen dazu, die zu Institutionen geworden sind. Und unter diesen Menschen würde ich niemanden so ungern vermissen wie den Dichter Alexander Lernet-Holenia; er gehört zu Wien, gehört zu Österreich. . . . Die Gastfreundschaft, die Fähigkeit zu plötzlichem, gewaltigem-gewalttätigen Zorn, die liebende Verächtlichkeit dem Vergangenen gegenüber und die verächtliche Liebe zum Gegenwärtigen . . . ", erinnerte sich der Schriftsteller Janko Musulin in der ORF-Sendung "Welt des Buches" am 21. Jänner 1976. Lernet-Holenia repräsentierte so sehr das alte Österreich, daß sein Name, wohl nicht zufällig, auch den standesbewußten Baron Holenia ziert, den Vertreter einer versnobten Adelsklasse rund um den Kaiser, die von Billy Wilder in seinem Hollywood-Film "The Emperor Waltz" (1948) mit liebevoll-ironischem Blick aufs Korn genommen wurde.

Am Höhepunkt seiner Anerkennung stand er wohl nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als der Kritiker Hans Weigel schreiben konnte, die österreichische Literatur bestehe aus zwei Hauptfiguren, dem "Lernet" und dem "Holenia". Lernet-Holenia war aber weitaus mehr als der "Grandseigneur der Literatur", als der er immer betitelt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er außer den Emigranten als der einzige Schriftsteller von Format übriggeblieben, der keine nationalsozialistischen Flecken aufzuweisen hatte, und zudem Autor des einzigen österreichischen Widerstandsromanes, "Mars im Widder" (1941).

Als führende Persönlichkeit der österreichischen Literatur war er von 1969 bis 1972 Präsident des österreichischen PEN-Clubs. Diese Funktion legte er aus Protest zurück, als der Nobelpreis an Heinrich Böll verliehen wurde, den er im ideologischen Umfeld der terroristischen Roten Armee Fraktion wähnte. Aus Empörung über Lernet-Holenia gründeten daraufhin Alfred Kolleritsch, Ernst Jandl und Peter Turrini die "Grazer Autorenversammlung" als "Gegen-PEN" für die "Moderne". Lernet-Holenia galt mit zunehmendem Alter nicht nur als "schwierig", sondern seine konservative Grundhaltung widersprach völlig dem "Zeitgeist". Der Mann mit dem Monokel, der Kavalier und Sportsmann schien nicht in die Erste, und schon gar nicht in die Zweite Republik zu gehören. In der Folge wurde er bald nach seinem Tod völlig vom Literaturbetrieb ignoriert. Auch heute ist sein Werk eher auf internationaler Ebene in zahlreichen Übersetzungen präsent.

Wiewohl Lernet-Holenia nie nur "für die Ewigkeit" schrieb, sondern durchaus auch die leichte Muse nicht scheute, zeichneten ihn doch immer die Eleganz der Form sowie der Blick für den großen Zusammenhang aus. Nun, anläßlich des Jubiläumsjahres, erlebt Lernet-Holenia auch in Österreich die längst fällige Renaissance, da heute die tieferen Dimensionen seines Werks, das sich mit der österreichischen Geschichte und österreichischer Tradition auseinandersetzt, Gegenstand literarischer und soziokultureller Analysen geworden sind.

Der Dragonerrittmeister als Poet

Alexander Lernet, so sein ursprünglicher Name, wurde am 21. Oktober 1897 in Wien geboren. Seine Mutter, die verwitwete Baronin Sidonie Boyneburgk-Stettfeld, geborene Holenia, war mit dem Vater ihres Kindes, dem Linienschiffleutnant Alexander Lernet, nur kurze Zeit verheiratet. Die daraus entstehenden Legenden, daß er nicht der Sohn Lernets sei, sondern ein illegitimer Sproß eines habsburgischen Erzherzogs, wurden zwar von ihm nicht dementiert, aber auch nie bewiesen, ja sogar in seinem Roman "Die Inseln unter dem Winde" indirekt gefördert.

1916, beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldete sich Lernet, der eigentlich Jus studieren wollte, als Einjährig-Freiwilliger zum Dragonerregiment Nr. 9 "Erzherzog Albrecht", bereits im Sommer dieses Jahres stand er in Polen, in der Slowakei, in Ungarn, in der Ukraine und in Rußland im Feld - Landschaften und Erlebnisse, die auch in seinen Büchern immer wiederkehren sollten.

Nach Kriegsende wurde der junge Offizier von der wohlhabenden Kärnter Familie seiner Mutter adoptiert, daher der Doppelname Lernet-Holenia, und entschloß sich bald darauf für eine Laufbahn als freier Schriftsteller. Bereits 1926 konnte er seinen ersten großen Erfolg mit den ironischen Theaterstücken "Ollapotrida" und der "Österreichischen Komödie" verzeichnen, die auf den Bannkreis Hugo von Hofmannsthals verweist.

Seit 1926 lebte er in der Villa seiner Mutter in St. Wolfgang am Wolfgangsee im Salzkammergut, wo er so bedeutende Literaten wie Carl Zuckmayer ("Der Hauptmann von Köpenick"), der im nahegelegenen Henndorf die "Wiesmühl" bewohnte, und den Dramatiker Ödon von Horvath zu seinem Freundeskreis zählte. "So entstand Lernet-Holenias Welt - eine Welt der stillen großen Räume des Landadels, in denen die Sonne durch herabgelassene Jalousien auf Kirschholzmöbel scheint, vor dem Haus die bemooste Gartenmauer, der verwaschene Stein-Neptun, die silbrige Fontäne; eine Welt der grüngoldenen Salons und der blutigen Schlachtfelder, auf denen die starren, reichbestickten Embleme des versunkenen Kaiserreichs blitzen, ....", schreibt Hilde Spiel in dem Band "Welt im Widerschein".

Lernet-Holenia führte aber kein müssiges Leben hinter "herabgelassenen Jalousien", sondern veröffentlichte zahlreiche erfolgreiche Bücher, aus deren Einkünften er ein standesgemäßes Leben bestreiten konnte, darunter so bekannte Werke wie "Die Abenteuer eines jungen Herrn in Polen" (1931), "Ich war Jack Mortimer" (1933), und "Die Standarte" (1934). Letzteres spielt zur Zeit des Ersten Weltkrieges, dessen militärische Rituale minutiös als nostalgischer Abglanz des alten Österreich beschrieben werden. Aber auch "Beide Sizilien", "Baron Bagge", und viele seiner anderen Bücher leben vom Mythos der Donaumonarchie, den Lernet-Holenia nicht nur widerspiegelt, sondern zugleich auch neu gestaltet. Den Zauber der Montur beschwört er nie aus der eindimensionalen Sicht des Militaristen, sondern Lernet-Holenia bleibt immer ein Mann des Geistes, dessen Helden eine spirituelle Mission zu erfüllen haben.

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde er wieder eingezogen, aber schon am zweiten Tag des Polenfeldzugs verwundet. In Berlin ernannte man ihn daraufhin zum Chefdramaturgen der Heeresfilmstelle, um seine militärromantischen Tendenzen für das Dritte Reich zu vereinnahmen, obwohl bereits die Verfilmung seines Romans "Die Standarte" unter dem Titel "Mein Leben für Maria Isabell" (1935) durch den Nationalsozialismus verboten worden war. Als Chefdramaturg lieferte er unter anderem die Idee für den Zarah Leander-Film "Die große Liebe", der 1942 in die Kinos kam.

Trotz der lukrativen Arbeit an den "Films", wie sie Lernet-Holenia mit seinem typischen Snobismus bezeichnete, hat er sich auch "in der Höhle des Löwen" nie dem Nationalsozialismus ausgeliefert, ist auch nie Parteimitglied geworden. Mehr noch, er hat in dieser Zeit "Mars im Widder" (1941) geschrieben, Österreichs einzigem Widerstandsroman, in dem er den Untergang des Dritten Reiches in der symbolträchtigen Szene des Zuges der Krebse bereits angedeutet hat. Die kokette Frau, Cuba, in die sich der Offizier Wallmoden verliebt, könnte eine Abenteurerin sein, aber auch mit ihrem geheimnisvollen Freundeskreis auf eine österreichische Widerstandsbewegung hinweisen. Vor allem schildert Lernet-Holenia den Überfall auf Polen in all seiner Grausamkeit und Sinnlosigkeit, voll Sympathie für die Polen. Der Roman konnte zwar in Fortsetzungen in dem Magazin "Die Dame" erscheinen, wurde aber noch vor der Auslieferung als Buch in seiner gesamten Auflage vernichtet, und konnte erst 1947 neu aufgelegt werden.

Es war ihm gelungen, ähnlich wie Willi Forst im Bereich des Films, auch im Dritten Reich Haltung zu beweisen, im wahrsten Sinne des Wortes; seine elitäre Einstellung vertrug sich nicht mit dem Nationalsozialismus. So beteiligte er sich auch nicht an dem ominösen "Bekenntnisbuch" für Hitler, in dem sich zahlreiche Autoren in Huldigungen ergingen, die sie später nur zu gern ungeschehen gemacht hätten.

Nach dem Krieg wurde Lernet-Holenia mit Ehrungen überhäuft, und erhielt 1952 ein Appartement im Reichskanzleitrakt der der Wiener Hofburg, das er gemeinsam mit seiner Frau in den Wintermonaten bewohnte. Auf die Räumlichkeiten weist heute nur mehr eine Gedenkplakette an der Batthyanystiege im Bereich des Instituts für Theaterwissenschaft der Universität Wien hin. Gemeinsam mit Friedrich Torberg gab er von 1954 bis 1967 die renommierte Intellektuellenzeitschrift "Forum" heraus.

Auch der florierende österreichische Film der Nachkriegszeit nahm sich der Werke Lernet-Holenias an. Allein im Jahr 1948 wurden drei seiner Bücher verfilmt: "Maresi" (In Deutschland: "Der Angeklagte hat das Wort"), nach der gleichnamigen Novelle, wurde von Hans Thimig mit Maria Schell, Attila Hörbiger und Siegfried Breuer inszeniert; "Der 20. Juli" (Das andere Leben), nach der gleichnamigen Novelle, wurde unter der Regie von Rudolf Steinböck vom Filmstudio des Theaters in der Josefstadt mit Vilma Degischer und Aglaja Schmid verfilmt; "An klingenden Ufern", ebenfalls nach der gleichnamigen Novelle, wurde von Hans Unterkircher mit Marianne Schönauer und Curd Jürgens verfilmt.

Der Dichter verfaßte selbst das Drehbuch für einen der wesentlichsten Filme aus dem Österreich der fünfziger Jahre: "Spionage" (Oberst Redl), inszeniert von Franz Antel, mit Ewald Balser, Oskar Werner, Rudolf Forster, über die skandalumwitterte Affaire im österreichischen Generalstab während des Ersten Weltkriegs.

Als Nachfolger von Franz Theodor Csokor wurde Lernet-Holenia 1969 Präsident des österreichischen PEN-Clubs, eine Funktion, die er 1972 aus Protest gegen Heinrich Böll wieder zurücklegte. Alexander Lernet-Holenia starb am 3. Juli 1976 in Wien.

Lernet-Holenias "Österreichischer Mythos"

Die erste umfassende kulturpolitische Analyse zum Werk Alexander Lernet-Holenias erschien in den USA. Robert von Dassanowsky, der Vorstand des Germanistischen Instituts an der University of Colorado in Colorado Springs, USA, veröffentlichte 1996 sein Buch "Phantom Empires. The Novels of Alexander Lernet-Holenia and the Question of Postimperial Austrian Identity" ("Schattenreiche. Die Romane Alexander Lernet-Holenias und die Frage der postimperialen österreichischen Identität", Ariadne Press, University of California, Riverside), in dem er die Bedeutung Lernet-Holenias für die heutige Zeit als Beitrag zur österreichischen Identität und die Zukunft Österreichs im europäischen Kontext herausstellt.

" In der Folge entwickelt sich die kritische Sympathie des Autors für die "alte Ordnung" hin zu einer subversiven Behandlung des Austrofaschismus und des Dritten Reiches. In seinem Nachkriegswerk findet sich eine selbstkritische Reflexion über die passive Haltung seiner eigenen Klasse gegenüber dem Anschluß und dem Nationalsozialismus. Lernet-Holenias späte Romane mokieren sich in provokanter Weise über den ambivalenten Umgang der Zweiten Republik mit ihrer Vergangenheit, und schließlich verwandelt er sein idealisiertes aristokratisches Mitteleuropa-Konzept in einen Mythos" (Anm.: Übersetzung der Autorin), heißt es im Klappentext.

Gerade in den neunziger Jahren, da die Fragen nach der österreichischen Identität und die Position des Landes in Mitteleuropa durch die Ostöffnung 1989 und den 1995 erfolgten Beitritt zur Europäischen Union aktueller denn je sind, gewinnen auch die Werke Lernet-Holenias wieder an Bedeutung: Als wesentlicher Beitrag zur Deutung der Geschichte Österreichs von einem konservativen Standpunkt aus.

Im Herbst des heurigen Jubiläumsjahres ist die erste Biographie über Lernet-Holenia aus der Feder des österreichischen Schriftstellers Roman Rocek, dem langjährigen Freund des Dichters und Herausgeber seines gesamten Gedichtwerks, im Verlag Böhlau in Wien erschienen: "Die neun Leben des Alexander Lernet-Holenia".

Zum hundertsten Geburtstag des Schriftstellers fanden im Laufe des Jahres 1997 eine Reihe von Veranstaltungen statt, deren Gesamtkoordination vom Neffen des Schriftstellers, Mag. Alexander Dreihann-Holenia, übernommen wurde.

Mag. Alexander Dreihann-Holenia
A - 2111 Kleinrötz, Fasangasse 3, Austria
Fax: ++43 (2264) 6000-12
E-Mail: office@adh-handel.com

Fotos sind auf Anforderung beim Bundeskanzleramt / Bundespressedienst, Fotostelle (Tel. ++ 43/+1/53115 DW 2340, Fax DW 4274) erhältlich:
1. Alexander Lernet-Holenia in charakteristischer Haltung: Im Morgenmantel Zeitung lesend, 1956 (Foto: Hausknost)
2. Alexander Lernet-Holenia als junger Mann in St. Wolfgang (Salzkammergut), wo er seit 1926 die Villa seiner Mutter am See bewohnte. (Foto: Privatbesitz)
3. Ein Hinweis auf den "schwierigen" Lernet-Holenia: Ein imaginäres Porträt, gezeichnet von Hans Fronius am Todestag des Dichters am 3. Juli 1976 (Foto: Andreas Urban, Wien)

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