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"... hier ist ein Werk! Lesen Sie."

Rainer Maria Rilke, an Katharina Kippenberg

Über Alexander Lernet-Holenia


Daniela Strigl: Eine Tagung, die weiter ging
Alexander Lernet-Holenia in Dortmund

Aus: Zwischenwelt. Zeitschrift für Kultur des Exils und des Widerstands. 20. Jg. Nr. 4/2004, S. 59

"Schiebt nicht die Schuld auf andre, - diese Schuld/ und alles andre Schuldsein!" Diese Verse stehen in Alexander Lernet-Holenias großer Elegie "Germanien", die 1946 in Deutschland wie Österreich für Aufsehen sorgte. Nicht zuletzt, weil der Autor des k.u.k. Romans "Die Standarte" (1934) sich darin deutlich zur Kollektivschuld der Deutschen bekannte: "wenn, was von den Größten einer tut,/ auch ihr getan habt, habt ihr auch getan,/ was der Geringsten einer tut im Volk."

So ist es nicht verwunderlich, daß das Gedicht "Germanien" bei der im vergangenen Oktober in Dortmund abgehaltenen Tagung "Alexander Lernet-Holenia und die österreichische Literatur der Nachkriegszeit" im Brennpunkt des Interesses stand. Dank dem erzieherischen Furor von Robert Menasse, der Lernet als vernagelten Reaktionär porträtiert hat, war dieser mit einem Satz in die österreichische Literaturgeschichte eingeschrieben, der in die konträre Richtung zu weisen scheint: "In der Tat brauchen wir nur dort fortzusetzen, wo uns die Träume eines Irren unterbrochen haben, in der Tat brauchen wir nicht voraus-, sondern nur zurückzublicken."

Die Gestalter des Programms, Thomas Eicher und Manfred Müller, bemühten sich, den Spannungsbogen zwischen antifaschistischer Eindeutigkeit und rückwärtsgewandter Sehnsucht nachzuzeichnen und Lernet-Holenia als eine zentrale Figur im Literaturbetrieb der Nachkriegszeit in möglichst vielen Facetten zu beleuchten. Dabei ging es nicht mehr darum, sich - wie in vorangegangenen Veranstaltungen - der Bedeutung des lange ignorierten Autors zu versichern und in kollektiver Anstrengung Basiswissen zu sammeln. Die von der Auslandsgesellschaft Nordrhein-Westfalen, der Université d'Artois (Arras) und der Internationalen Alexander Lernet-Holenia Gesellschaft bestrittene Tagung konnte über die geleistete Pionierarbeit hinaus und in die Tiefe gehen.

Die Analyse der Nachkriegsromane "Der Graf von Saint Germain" (Jean Jacques Pollet) und "Der Graf Luna" (Hélène Barrière) zeigte, wie Lernet die Methode der Phantastik auch auf die zeitgeschichtlichen Ereignisse rund um den Anschluß und die österreichische Verstrickung in die Verbrechen des NS-Regimes anwendet, was eine problematische Fatalisierung des Historischen mit sich bringt. Nur allzu gern nahm das Publikum des Jahres 1955 die Erlebnisse des Jessiersky in "Der Graf Luna" als Auswüchse einer überspannten Gemütslage auf und verweigerte das Nachdenken über einen, der durch bloßes Zuschauen und Nichtstun mitschuldig am Tod eines Menschen wird.

Jedenfalls gehörte Lernet, der das Dritte Reich relativ bequem als Leiter der NS-Heeresfilmstelle überwintert hatte, nicht zu den Verdrängern. Das vermittelte in Dortmund auch Gertraud Steiner Daviaus Überblick über das Nachkriegswerk des Filmautors Lernet: Gleich 1947 meldete er sich mit der Widerstandsgeschichte "Das andere Leben" (nach seiner Novelle "Der 20. Juli") zurück.

Manfred Müller machte den Autor durch eine genaue Lektüre des Buches "Die Inseln unter dem Winde" (1952) zu einem Vorläufer des kritischen Heimatromans, wenngleich mit umgekehrten, nämlich konservativen Vorzeichen. Konservativ, hier wiederum in ästhetischer Hinsicht, nahm Lernet-Holenia sich auch in seiner Auseinandersetzung mit Gottfried Benn aus: 1933 hatte Lernet dessen Bekenntnis zum deutschen Reich kritisiert, nun, nach dem Krieg, warf er ihm, wie Rüdiger Görner im Detail darlegte, gerade sein Desengagement für gesellschaftliche Belange vor.

Weil Lernets Biograph Roman Rocek, der auch an der Herausgabe eines Briefbandes arbeitet, nicht kommen konnte, blieb so manche Frage zur Lebensgeschichte und zum Korrespondenzbestand offen. Bernd Hamacher widmete sich, unter anderem anhand des Romans "Pilatus" (1967) Lernets weltanschaulicher Beziehung zum Judentum, etwa dessen merkwürdiger Parallelisierung mit dem Schicksal Österreichs. Seine Befunde über im Werk nachgewiesene Negativ-Stereotypen wurden teilweise kontroversiell aufgenommen - identifiziert sich der Erzähler doch gerade mit Helden slawischer Herkunft.

Das im Raum stehende Gerücht, man habe Lernet des Antisemitismus überführt, entpuppte sich als alter Hut. Mit zunehmendem Alter war der Dichter immer rabiater geworden, sein Aristokratie-Komplex (er war überzeugt, der illegitime Sproß eines Erzherzogs zu sein) wuchs sich zur Obsession aus. Lernet wütete gegen die jungen Schreiberlinge von Handke bis Bernhard ebenso wie gegen "die Sozialisten" und "die Habsburger" und wurde, wie Hilde Spiel berichtete, im privaten Kreis auch gegen "die Juden" ausfällig. Seine Biographie spricht freilich eine andere Sprache, die meisten seiner engsten Mitstreiter und Freunde (und Freundinnen) waren jüdischer Abstammung, nicht nur der in diesen Dingen eher großzügige Leo Perutz, sondern auch Friedrich Torberg, der in Sachen Antisemitismus keinen Spaß verstand. Lernet selbst verurteilte brieflich die Antisemiten, bewunderte Israel für seine militärische Härte und warf der Zeitung "Die Presse", namentlich deren Redakteurin Ilse Leitenberger, eine judenfeindliche Einstellung vor.

Der Vorwurf, die Vernichtung der Juden spiele in Lernets großem Resümee "Germanien" keine zentrale Rolle, der Dichter bediene sich darin vielmehr einer hier unangemessenen traditionellen Form der Totenklage um gefallene Krieger, fand bei Thomas Hübel Unterstützung. Die Shoah kommt freilich auch in anderen zeitgenössischen Abrechnungen mit dem Dritten Reich kaum vor, der hohe Ton der Hymne ist außerdem nach dem Krieg nach wie vor en vogue. Eine Apologie von "Germanien" (Strigl) kann sich vor allem auf ungeheure Provokation berufen, die der Satz "Wenn man die Schuld euch allen auflädt, tragt/ sie denn auch allesamt!" beim deutschen Publikum bewirkte.

Wo Lernet im Dritten Reich stand, ist, obwohl er sich gut aus der Affäre ziehen konnte, eindeutig: Er überlegte die Emigration und wagte es nicht. Sein Roman "Mars im Widder" (1941) wurde als subversiv erkannt und verboten - wie auch zwei Vorkriegsverfilmungen seiner Bücher ("weil darin abfällige Äußerungen über den Führer und die NSDAP enthalten waren"). In seinem Wohnort St. Wolfgang wurde er als Regimegegner vernadert, was dazu führte, daß die Amerikaner ihn dort 1945 flugs zum Entnazifizierungsbeauftragten machten. Die offene und kritische Auseinandersetzung mit dem Schwierigen des literarischen Nachkriegsbetriebs, um die es auch dem Neffen und Rechtsnachfolger des Dichters, Alexander Dreihann-Holenia, nach eigenem Bekunden zu tun ist, hat bei dieser Tagung entscheidende Impulse erfahren. Gerade, daß Lernet-Holenia sich in die Lager des Kalten Krieges nicht ohne weiteres einordnen läßt, macht ihn als Gegenstand der Forschung interessant: Er, der immer wieder aus der antikommunistischen Front ausbrach und im "Österreichischen Tagebuch" publizierte, war Torbergs rechte, oder besser: linke Hand im "FORVM" und begründete seinen Rücktritt als PEN-Präsident mit der Nobelpreisvergabe an den als Terroristenfreund verschrienen Heinrich Böll.

So wurde just am österreichischen Nationalfeiertag und just auf gleichsam exterritorialem Boden (im Ausland eben, das nicht immer Ausland war) ein Beitrag dazu geleistet, Alexander Lernet-Holenia in die österreichische Literatur heimzuholen - und in die Literaturwissenschaft.


Dr. des. Franziska Mayer: "Narration als Wunscherfüllung. Erzählstrategien und deren Funktionalisierung im Prosawerk Alexander Lernet-Holenias (1897-1976)"
vorgelegt am Institut für Deutsche Philologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München bei Prof. Dr. Volker Hoffmann (SoSe 2003)

In der Korpusstudie zum Erzählwerk Alexander Lernet-Holenias wird ein Erzählmodell entwickelt, das - gestützt auf die Auswertung rekurrenter Textdaten - das gesamte erzählerische Werk des Autors adäquat zu beschreiben versucht. Die Grundthese der Arbeit ist, daß Lernet-Holenias Prosawerk durchweg von einer Erzählstrategie bestimmt wird, die primär darin besteht, Defizienz in der dargestellten Welt und in der Identität der Figuren durch narrative Sinnkonstruktionen nachträglich umzudeuten oder kompensatorisch zu bewältigen. Narration erfüllt - zumindest sofern es sich um Binnen-Ich-Erzähler handelt, die damit ihre eigene Defizienz bewältigen - somit die Funktion einer "Wunscherfüllung": Was in der Realität der dargestellten Welt nicht erreicht werden kann, schafft sich der Erzähler durch den Erzählakt selbst. Damit weist dieses Erzählverfahren Analogien zu Freuds Konzept der "Traumarbeit" auf, ohne daß eine Äquivalenz von Literatur und Unbewußtem behauptet wird. Methodisch rekurriert die Untersuchung u.a. auf G. Genettes semiotische Klassifikation der narrativen Instanzen ("Die Erzählung", dt. 1994).

Das erste von drei Großkapiteln beschreibt Defizienzerfahrungen innerhalb der Korpustexte auf den Ebenen der Figuren (z.B. Defizite bei der Namenszuordnung, der Genealogie, den Partnerbeziehungen, dem Bewußtsein und der Autonomie der Protagonisten), der Normen und Werte (v.a. Verfall der ständischen Ordnung und der traditionalen Werte im Anschluß an den Zusammenbruch des Habsburgerreichs) sowie des Erzählens selbst (konkurrierende Handlungsmotivierungen bzw. Sinnstiftungsangebote, Relativierung der Fiktionalitäts- und Textgrenzen). Ergänzt werden diese korpusübergreifenden Untersuchungen durch drei exemplarische Einzeltextanalysen (Der Baron Bagge, Die Standarte, Der Mann im Hut), die über die themenrelevanten Aspekte hinausführen und auch signifikante Unterschiede der verschiedenen Fassungen funktionalisieren (Entschärfung mißverständlicher Textpassagen, nachträgliche Stilisierung zu Widerstandstexten etc.).

In Kapitel 2 werden textinterne Bewältigungsversuche dieser Defizienzen wiederum korpusübergreifend vorgeführt und durch Textanalysen unterfüttert (Jo und der Herr zu Pferde, Der Graf von Saint-Germain, Der Graf Luna). Auf Figurenebene scheitern solche individuellen Stabilisierungsversuche (genealogische Forschung, normabweichende Partnererotik, hochstaplerische oder resignative Selbstbehauptung) ebenso wie auf der Ebene der Normen und Werte Restaurationsversuche und die Regression in traditionelle Ordnungsstrukturen (Adel, Katholizismus, Militär und "Reich"). Dabei steht das Scheitern persönlicher Identitätsfindung auf Figurenebene exemplarisch für das Ende der Donaumonarchie wie auch zugleich für die Auslöschung des Reststaates Österreich zwanzig Jahre später. Angesichts des Scheiterns aller Kompensationsstrategien innerhalb der dargestellten Welt bleibt allein die Narration, die mittels Umkodierung der Defizite in Sinnhaftigkeit die erwünschte Bewältigung der generellen Defizienz leisten kann.

Kapitel 3 untersucht, wie in autobiographischen Sinnstiftungsakten die defizienten Lebensentwürfe umgeschrieben und die kontingenten Ordnungs- und Wertsysteme durch Transzendierung, Mythisierung und Historisierung stabilisiert werden. Unbeeindruckt von dem in der Realität der dargestellten Welt herrschenden Todesprinzip, wird in phantastischen Umsemantisierungsakten dem gescheiterten Lebenslauf nach dem Vorbild der genialischen Passionsgeschichten exemplarische Einzigartigkeit zugeschrieben, eine Umwertung, die vor dem Tod nicht haltmacht, der emphatisch zum singulären, individuell sinnvollen Ereignis uminterpretiert wird. Analog wird auf kollektiver Ebene mit sinnstiftenden Transzendenzkonstruktionen und ordnungsstiftenden Geschichtsmodellen verfahren. Dies gilt auch und besonders für die späten historischen Texte (Prinz Eugen, Naundorff, Das Halsband der Königin, Die Geheimnisse des Hauses Österreich). Der "Wunsch", der hier durch Narration erfüllt wird, ist einerseits Kohärenz und Sinnhaftigkeit von "Geschichte", andererseits die exklusive Sinngebungskompetenz von "Literatur" gegenüber "Geschichtsschreibung". Überboten wird dieses Modell schließlich noch in den beiden Collagetexten Die wahre Manon und Der wahre Werther, wo Defizienz und Scheitern als notwendige Voraussetzung von Kunst in einer Rahmenerzählsituation zu bestehenden Texten der Weltliteratur hinzukonstruiert werden.

Dieses œuvretypische Erzählverfahren der Umkodierung von Defizienz reagiert auf die zentrale reale Defizienzerfahrung des Literatursystems, dem die Texte angehören: auf das traumatische Ende des Habsburgerreichs 1918, das sich für Lernet-Holenia 1938 nochmals wiederholt. Damit ordnet sich Lernet-Holenias Gesamtwerk in die resignative Reaktion einer Vielzahl österreichischer Autoren verschiedenster ideologischer Ausrichtung ein (z. B. Joseph Roth, Leo Perutz, Friedrich Torberg, Max Mell, Friedrich Schreyvogl, Karl Heinrich Waggerl, Bruno Brehm, Mirko Jelusich), die auf die politische Katastrophe mit der rückwärtsgewandten Utopie des Habsburg-Mythos antworten.

Abgeschlossen wird die Arbeit durch eine umfangreiche Personalbibliographie, die sowohl unterschiedliche Auflagen und Fassungen der selbständig erschienenen Romane und Erzählungen als auch eine große Zahl unselbständig erschienener Texte berücksichtigt.


Otto F. Beer: Lernet im Mars

Habent sua fata libelli" würde der Oberfähnrich Rosthorn sagen. Alexander Lernet-Holenias Mars im Widder konnte von Anfang an nicht über einen Mangel an "fatum" klagen, wurde von seinem Schicksal bereits ereilt, als das Buch noch nicht einmal das erste Schaufenster erreicht hatte. Dies geschah im Jahr 1941, als die Erstauflage zwar ausgedruckt war, aber noch vor der Auslieferung verboten wurde. Aber vielleicht müßte man die abenteuerliche Geschichte dieses Buches zurückverfolgen bis zu dem Zeitpunkt, da es zwar noch keinen Mars im Widder gab, aber der Autor selbst Mars dienen mußte.

Denn nicht nur Wallmoden hatte im August 193 9 eine Waffenübung zu absolvieren, sondern auch Alexander Lernet-Holenia. Er war in den Tagen der österreichisch-ungarischen Armee Offizier gewesen - nun holte man ihn wieder zu den Waffen. Zwar gab es nicht mehr die alte k. u. k. Kavallerie, das Zeitalter der Panzerarmeen und der Luftkämpfe war angebrochen. Immerhin, im Staub polnischer Straßen und später in den Schlammwüsten Rußlands, spielten die Pferde noch eine bedeutende Rolle. Lernet-Holenia hat den Polenfeldzug mitgemacht und dabei eifrig Tagebuch geführt. Später gelang es dem Ullstein-Verlag, ihn nach dem Ende des Feldzugs UK stellen zu lassen. Diesem unerwarteten Zivilistendasein mitten im Kriege verdankt Mars im Widder sein Dasein.

Zwischen dem 15. Dezember 1939 und dem 15. Februar 1940 - in nicht mehr als zwei Monaten mithin - ist der Roman entstanden. Lernet-Holenia bekennt, daß er für die Schilderung des Aufmarsches an Deutschlands Ostgrenze, der Angriffe auf Polen, des Sieges über den couragierten Widerstand seiner Verteidiger seine Kriegstagebücher ausgiebig verwendet hat. Wer das Buch mit militärischem Auge liest, wird darüber nicht erstaunt sein. Kein Autor würde bloß aus der Phantasie heraus Details dieser Art erfinden: wie eine bestimmte Straßenkreuzung gesichert, ein Dorf gestürmt, eine gegnerische Einheit aufgerieben wird. Lernet-Holenia versichert, daß alles Strategische und Taktische in diesem Buch stimmt, daß sich die Operationen tatsächlich so entwickelt haben, wie sie hier dargestellt werden. Es "stimmen" auch die Menschen: der lateinisch zitierende Rosthorn, die Kameraden Wallmodens - sie alle hatten lebende Vorbilder. "Roman" oder neuhochdeutsch "fiction" - waren die Liebesgeschichte, die Intrige, die Visionen, der Einbruch von etwas Überwirklichem in die Wirklichkeit, der transzendentale oder phantastische Zug an diesem Geschehen.

So also entstand die Geschichte von der Liebe zu einer bis zuletzt Unbekannten, die vielleicht eine Schwindlerin war, weit wahrscheinlicher aber mit der österreichischen Widerstandsbewegung Kontakt hatte und sich deshalb Paß und Existenz jener Baronin Pistohlkors aneignete, der wir am Ende des Buches in Person begegnen.

Daß Menschen in die Existenz anderer schlüpfen, daß sie deren Leben - womöglich mit deren Dokumenten - weiterleben oder weiterzuleben gezwungen sind: dies ist ja ein vertrautes Element in der Erzählkunst Lernet-Holenias ; wir begegnen diesem Motiv unter anderem auch in seinem gleichfalls in Kriegsjahren entstandenen Roman Beide Sizilien. Auch die Ahnung eines Jenseitigen, eines Totenreiches ist seit seinem Baron Bagge ein vertrautes Kunstmittel.

Dichtung und Wahrheit also in einem: so wurde Mars im Widder dem deutschen Leser präsentiert als eine sehr eigenwillige, sehr persönliche sehr Lernetsche Interpretation eines Krieges, der damals allerdings noch mit Kavalleristen-Elan in wehrlose Länder vorgetragen wurde, die dem Angriff kaum ernsten Widerstand entgegensetzen konnten. Besagte Leser mußten allerdings zur Dame greifen, um diese Geschichte in Fortsetzungen verfolgen zu können. Hinter diesem mondänen Titel verbarg sich nämlich eine Zeitschrift, deren erlesener literarischer oder ganz allgemein ästhetischer Geschmack mit heutigem Illustriertenmaßstab nicht zu messen ist. Lernet-Holenia war dort mehrmals zu Wort gekommen - es war durchaus logisch, daß auch sein Roman vom Polenfeldzug in diesem Ullstein-Blatt abgedruckt wurde. Gelesen haben ihn allerdings nicht nur Damen. Auch Soldaten, denen die herkömmlichen Propagandaschilderungen nicht zusagten, fanden hier ein weit wahreres, weil menschlicheres Bild der Kämpfe im Osten. Leider lasen ihn aber auch jene Soldaten, die an besagtem Propagandaklischee persönlich mitwirkten. Sie runzelten vorläufig nur die Stirn, aber sie schwiegen nicht auf Dauer. Der Abdruck in Fortsetzungen immerhin konnnte unbehindert zu Ende gehen.

Inzwischen wurde die Buchausgabe vorbereitet vom arisierten S. Fischer-Verlag, der seltsamerweise auch im Dritten Reich das jüdische "S." für "Samuel" nicht abgelegt hatte. Im Frühjahr 1941 waren in Leipzig 15.000 Exemplare ausgedruckt worden - zu Kriegszeiten eine respektable Erstauflage! Damals gab es einen Fliegergeneral, der die Verbindung zwischen Wehrmacht und Propagandaministerium herzustellen hatte. Auf sein Betreiben hin führte das "Pro-Mi" seinen Schlag gegen das Buch, das so gar nicht in jenes Leitbild vom deutschen Soldaten paßte, das man im Dritten Reich hochzuhalten liebte. So wurde die ganze Auflage verboten und durfte nicht ausgeliefert werden. Der Verleger befolgte Goebbels Anweisung derart gründlich, daß er dem Autor nicht einmal die ihm zustehenden 20 Freiexemplare aushändigte. Hätte Lernet-Holenia nicht noch aus den Tagen der Vorbereitung des Buchs ein Fahnenexemplar für sich behalten - sein ganzes Werk wäre für immer verloren gewesen. Zwar legte das Haus S. Fischer die komplett ausgedruckten 15.000 Exemplare in den Keller, wohl in der Hoffnung, nach dem "Endsieg" werde man in Belin großzügiger denken und den Verkauf gestatten. Aber nicht nur aus dem Endsieg wurde nichts, sondern die gesamte Auflage erlebte das Kriegsende nicht. Bei den Angriffen aufLeipzig im Winter 1943/44 ging das ganze. Lager in Flammen auf - von Mars im Widder blieb kein einziges Exemplar übrig.

Als der Krieg zu Ende war, stand vermutlich Mars nicht mehr im Widder, und der Autor hatte es wieder mit den rechtmäßigen Inhabern seines alten Verlages zu tun. Das Haus Bermann-Fischer wollte in Stockholm das Buch herausbringen. Das gerettete Fahnenexemplar lieferte die Unterlage für die nun tatsächliche Erstausgabe. Sie erschien 1947, allerdings in einer wesentlich kleineren Auflage, als das Leipziger Haus sechs Jahre zuvor geplant hatte. Ein guter Teil jener deutschsprachigen Literatur, die damals in Ländern mit Edelvaluta wie Schweden, Holland oder der Schweiz aufgelegt wurde, erschien ja aus Devisengründen beinahe unter Ausschluß der deutschen Öffentlichkeit. Noch gab es keine D-Mark, man konnte die Bücher zwar in beschränktem Maß nach Österreich, beinahe aber gar nicht nach Deutschland liefern.

Nun aber, da das Buch immerhin vorlag, durfte man sich den Kopf darüber zerbrechen, was darin seinerzeit den Grimm der deutschen Propaganda herausgefordert hatte. War es die Schilderung eines geheimen deutschen Aufmarsches an der Ostgrenze lange vor Ausbruch jener Feindseligkeiten, die doch angeblich durch generische Gewaltakte ausgelöst worden waren ? Die systematische Vorbereitung eines Überfalls also? Ach, es war noch viel mehr herauszulesen: der Respekt vor einem Feind, der nur deshalb überrumpelt werden konnte, weil er nicht oder nur ungenügend mobilisiert hatte ; dann dessen mutiges Ausharren auf einem offensichtlich verlorenen Posten, das Elend der Flucht - dies alles paßte nicht zum Feindbild des "ostischen Untermenschen".

Wallmodens Beziehung zum Reich des Todes, das visionäre Überschreiten einer Grenze zur Wirklichkeit ist natürlich gleichfalls ein Zug, der nicht ins Wunschbild der deutschen Kriegspropaganda gepaßt hatte, aber dies war fast schon ein zu feines Mittel, als daß es den Gegner ernstlich erregt hätte. Wenn Karl Kraus einmal behauptet hat, ein Witz, den der Zensor verstehe, werde mit Recht verboten, so läßt sich dieses Aperçu nur auf die eher kryptischen Teile von Mars im Widder anwenden.

Zu ihnen gehört vor allem der berühmte Zug der Krebse. Diese Schilderung ist ein literarisches Kabinettstück und hat damals unter Leuten, die zwischen den Zeilen zu lesen verstanden, ungeheures Aufsehen erregt.

Vielleicht fehlt uns heute bereits das Organ für jene Kunst der Anspielung, die sich zu Zeiten der Diktatur entwickelt hat. Möglicherweise wird der Leser von heute auch nicht aufs erste verstehen, daß der Kreis um den geheimnisvollen Herrn Örtel, den Empfänger von Geheimbotschaften, aus Österreichern bestand, denen das Dritte Reich gegen den Strich ging und die sich in verborgenen Konventikeln organisierten. Jene Krebse aber, die eines Nachts unbeirrbar über eine Heerstraße marschieren, wurden damals sehr wohl als Symbol der großen Panzerarmeen begriffen, die ihrem Untergang blind entgegengingen. Sie "wanderten von Osten nach Westen", "rasselnd und klirrend wie ein Geschwader von Gerüsteten". Rosthorn würde sagen: "Sapieti sat!" - und so steht denn auch die apokalyptische Konsequenz aus diesem ebenso sinnlosen wie unaufhaltsamen Zug konsequenterweise in lateinischer Sprache.

Lernet-Holenia hat solche Bilder des großen Unterganges in jenen Jahren gern beschworen, und er tat es nicht weniger chiffriert als zu gleicher Zeit Ernst Jünger. In seinem Mann im Hut von 1937 zeichnete er das Bild des großen Nibelungenzuges nach Osten, bei dem nur Hagen von Tronje ganz genau weiß, daß keiner der Heerfahrer von Attilas Hof lebend zurückkehren wird. Und als der Krieg zu Ende war, hat er mit Germanien eine dichterische Endabrechnung mit der großen Götterdämmerung und ihrem Todestrieb gehalten. Das Kernstück dieser Auseinandersetzung aber bleibt Mars im Widder, der so viele Umwege nehmen mußte, um als literarisches Dokument endlich zugänglich zu sein.


Ansprache zur Eröffnung des Alexander Lernet-Holenia Parks in Wien von Univ.-Prof. Dr. Rüdiger Görner

Gibt es Sinnigeres, als einer Anlage den Namen eines Dichters zu geben. Denn schafft nicht auch er Gedicht um Gedicht, Prosa um Prosa, Stück um Stück kleinere oder größere Wort-Landschaften, Seelen-Oasen im Betonzeitalter.

Lesend ergeht man sich im Text; dem Namen nachsinnend, nach dem diese Anlage nun benannt ist, nachsinnend, mag man hier etwas Erholung finden. Vielleicht gar holt man sich dadurch etwas von dem zurück, wofür dieser Name, Alexander Lernet-Holenia steht. "Recreation grounds", sagt man im Englischen zu solchen Anlagen (auch wenn man sie dort nie nach Dichtern benennt), Orte der Selbstwiederherstellung.

Dieser Name, sein Name läßt uns innehalten: Lernet-Holenia. Erinnert er uns doch an eine andere, nicht unbedingt besser gewesene Welt. Er steht für Zivilcourage, für Querdenken, Eigensinn, vor allem aber: für eine unverwechselbare Persönlichkeit, die in der Literatur, aber auch im öffentlichen Einspruch die ihr gemäße Sprache fand.

Parks, städtische Idyllen kommen im Werk Lernet-Holenia selten vor. Ich greife eine solche Stelle heraus. In seinem Gedicht "Das Land" aus dem 1946 erschienenen Zyklus "Die Trophäe", heißt es: "Viel sind der Blüten zusammengeweht und welken auf den Wegen/des Gartens. Und der Regen weint im Laube".

Als diese Zeilen geschrieben wurden, klangen sie unzeitgemäß. Heute nicht minder. Aber das Wahre spricht sich darin ganz still aus.

Wir tun gut daran, dieses Grün nach Lernet-Holenia zu benennen, auf daß die Erinnerung an ihn, den wichtigen Unbequemen, wachse. Uns zur Mahnung, nicht nur an diesem Ort, quer zum Trend zu denken.

Wien, 24.09.1999


Michael Guttenbrunner: ALH, in Die Brücke (Klagenfurt), 1978

Lernet war ein großer Virtuose; den Schein des Künstlertums hat er gescheut. Er besaß die, vergleichsweise, seltene Kunst: spannend, amüsant zu schreiben. So hat er eine stattliche Reihe Romane, Erzählungen, Gedichte und Theaterstücke geschrieben und hat dabei bemerkt, "daß das alles nichts ausgibt", daß es unergiebig ist. Ich habe ihn wiederholt vor den langen Fronten der sämtlichen Werke Dickens' , Wielands, Balzacs stehen und den Kopf schütteln gesehen. Er pflegte zu sagen: "Wenn man sich vorstellt, was die alles geschrieben haben - und es gibt alles nichts aus !"
Lernets Prosa ist formal unproblematisch. Er hat keinen "neuen Stil" gesucht und keinen Stilwechsel gemacht. Seine Bücher sind alle nach demselben Rezept. Von innen gesehen sind seine Schriften ein nach wechselnden Gesichtspunkten bearbeiteter Niederschlag einer problematischen Existenz; noch mehr: einer Existenz, der eigenen nämlich, die für ihn selbst eine große Affaire war. Es war sein Schicksal, sich selbst als zwielichtigen Helden zu sehen, den er, literarisch, zu inszenieren hatte. Seine Direktion war: Soviel als nur möglich in den Hintergrund; der Vordergrund sei so spärlich wie möglich besetzt. Eigentümlich ist das Doppelspiel von logischem Räsonnement und spekulativer Phantastik; es sieht wie Hebungen und Senkungen des Meeres aus, ist aber Satzbautechnik.


Günther Nenning in "Die Presse" vom 17. 6. 1997:

Auf, seien wir schlechte Österreicher!

Ich bin ein hoffnungsloser Optimist. Alle Umfragen zeigen nach unten, die Österreicher sind verunsichert und zukunftscheu wie noch nie in der Zweiten Republik. Deren begeisterte Hochhalter sind verstummt; wo seid ihr, Freundinnen und Freunde? Na egal, ich weiß, wohin ich mich zu wenden habe. Kunst gibt Halt, wo keiner mehr ist.
Das Schöne an der Kunst ist, daß sie stets auf unkorrekten Wegen wandelt. Die österreichische U-Kunst ist unerlaubt operettig, lehárig; die österreichische E-Kunst hat eine absurde Vorliebe für die Vergangenheit, musilisch; und ein ebensolches Mißtrauen in die Zukunft, schnitzlerisch.
"Wir haben es nicht nötig, mit der Zukunft zu kokettieren und nebulose Projekte zu machen. Wir sind unsere Vergangenheit."
Dies schrieb Alexander Lernet-Holenia im Jahr 1945. Es gibt jetzt, im Jahr seines 100. Geburtstags (er starb 1976), eine zögerliche Renaissance dieses altösterreichischen Genies.
Wir müssen nach dem geheimen Scharnier suchen, mit dem die Vergangenheit umgelegt werden kann in die Zukunft. Von der Austro-Nostalgie zur Austro-Utopie.
Von Lernet ist zu lernen, daß Tradition so wichtig ist wie Innovation, und weniger schwindelhaft; Mythos so wichtig wie Ratio, und gibt dem Herzen mehr.
Lernet: "Die Liebe braucht keinen Trost. Sie braucht nicht einmal Gegenliebe. Sie braucht nur sich selbst."
Das kann Motto österreichischer Wiedergeburt sein, einer weiß Gott wievielten, weiß Gott wie scheiternden.
Es geht um Selbstbewußtsein. Reale Reiche zerfallen, oft verblüffend schnell. Geisterreiche bleiben bestehen, oft verblüffend lang. Österreich, Gespenst im EU-Schloß.
Superschlaue haben völlig recht, wenn sie urteilen: Der Lernet ist ein alter Aristo, ein Reaktionär, der nach einer Welt trauert, die vorbei ist. Aber sie messen ihn an einer Welt, die noch viel vorbei-er ist; an einer Welt nämlich, in der Fortschritt und Wohlstand als gesicherte und unverrückbare Maßstäbe galten.
"Fortschrittlich" ist das Adelsprädikat eines aufgeklärten Reiches, das es nimmer gibt; "reaktionär" ein Todesurteil, das nicht mehr vollstreckt werden kann.
Daß alle Literatur soziale und ökonomische Wurzeln hat, weiß ich als Halbmarxist sowieso. Aber Literatur lehrt: es ist nicht wahr, daß wir verloren sind. Vielmehr ist Rückschritt sogar der wahre Fortschritt, wenn vorne der Abgrund ist und rückwärts Hilfe.
Blätternd in alten Jahrgängen des FORVM (Lernet-Biograph Robert Dassanowsky, Literaturprofessor in Kalifornien und natürlich Altösterreicher, schreibt: "Lernet-Holenia edited this Vienna-based publication with Friedrich Abendroth, Günther Nenning and Friedrich Torberg" und nennt´s ein "conservative journal"; ist ja nicht wahr, siehe oben) - blätternd also im Jahrgang 1961 dieses Journals lese ich Lernet:
"Ein echter Franzose, zum Beispiel, oder auch ein echter Engländer ist auch ein guter Engländer und ein guter Franzose - ein echter Österreicher aber ist keinesfalls ein guter Österreicher - je echter er ist, für einen umso schlechteren Österreicher halten ihn die andern Österreicher, wenn er sie kritisiert."
Auf, seien wir schlechte Österreicher.


Günther Nenning in "Die Presse" vom 7. 10. 1997:

Das Hackl des Hl. Wolfgang - eine Enthüllung

Zimmer 31 im "Weißen Rössl am Wolfgangsee". 7 Uhr 30. Im Fenster gegen Süden: kein See, Nebel. Im Fenster gegen Westen: kein See, Nebel. 8 Uhr. Der Nebel hebt sich gerade genug, um zwei Schwäne zu zeigen. Hinter ihnen in seinem geliebten Ruderboot Alexander Lernet-Holenia.
Ich mache mir Sorgen, was ich denn enthüllen werde. Zu mittag stellt sich heraus: auf Josef Symon ist Verlaß. Den stets hochaufgerichteten Dichter (nur zum Händeküssen der Damen halbierte sich seine elegante Figur durch ironischen Hüftknick) bildete Meister Symon getreulich ab durch einige hochaufgerichtete, gleichfalls elegante und ironische Aluminiumstangen.
Wo das Herz des Dichters ist, placierte er in durchbrochener Schrift, damit das von Lernet so geliebte Licht des Sees hindurch fließen kann, dessen Gedicht "Gingen wir, wir kehrten wieder ..."
Der berühmte Rabbi von Barack (sprechen Sie bitte Barazk) sagte, sagte ich, alles was man nicht sagen kann, während man auf einem Fuß steht, und zwar auf dem linken, ist nicht die Wahrheit. Nun steht die Festgemeinde hier zwar nicht auf einem Fuß, und schon gar nicht auf dem linken, aber sie steht, also ist Kürze geboten, und also Wahrheit.
Sankt Wolfgang hält in seiner Hand ein Hackl, erinnerte ich, und das Hackl flog hin und her zwischen den Sanktwolfgangern und ihrem stets streitenden Dichter (hier verbrachte er den schönsten Teil seines Lebens; heuer wäre er hundert).
Das Lernet-Denkmal befindet sich im Exil, auf dem Grund der Nachbargemeinde St. Gilgen, beim "Ferienhort", dessen Anblick der Poet und Ästhet garnicht schätzte.
Fettnäpfchentreten ist gut für meine Gesundheit. Vielleicht wird der Dichter noch gänzlich heimkommen, in den schönen Ort, wo er seine schöne Villa hatte. Und mit ihm die anderen Wahlwolfganger und Großkünstler, Hilde Spiel, die böse auszog, als man ihr die Ulmen vor ihrem Fenster wegschlägerte; und Leo Perutz und natürlich Ralph Benatzky (Operette ist die Liebesheirat zwischen Kunst und Kitsch).
"Upgrading" heißt das auf neugroßdeutsch. Die Kultur kriegt einen Kostplatz beim Fremdenverkehr. Der Fremdenverkehr wird gerettet durch die Kultur. Macht nix. Man muß schon froh sein, daß das Richtige geschieht. Daß das Richtige auch noch aus den richtigen Gründen geschieht, das, meine Damen und Herren, ist der nackte Luxus. Folglich : es lebe der upgegradete Kulturtourismus.
Lernet kommt wieder mit dem Ruderboot. Das ist die angemessene Annäherungs-Geschwindigkeit. Er kommt im rechten Augenblick. Lernet ist der Grandseigneur jener echten österreichischen Moderne, die überspült wurde von der Importkultur. Die Gegenwelle kommt, also kommt Lernet.
Kunst darf Freude machen. Es ist erlaubt, daß einem die Pseudo-Moderne zum Hals heraushängt. Sprache darf zielen und treffen, statt brabbeln und quasseln.
Kunst darf die Grenzen zum Kitsch überschreiten und erfrischt zurückkehren zu sich selbst. Schönheit ist erlaubt.
Das hören die Leute gern. Ich wickle den Aluminium-Lernet aus seinem Leintuch, und es gibt ein gutes Mittagessen.
Es saust. Was fliegt denn da? Ah ja, das Hackl des Hl. Wolfgang. Haarscharf fliegt es jetzt, spüre ich, in die richtige Richtung. Wenn sich die Pläne der jungen Wilden im Wolfganger Gemeinderat konkretisieren (Lernet-Holenia-Bibliothek, Schreibwerkstatt für junge Literatur; Kunsthalle; "Kulturpark" naja), dann könnten Ort und See bereit sein:
Demnächst, wenn die Moderne sterben wird an ihrer Langeweile und Häßlichkeit, dann gäbe es hier ein dezentrales Zentrum, hübsch und klein, für die Moderne von morgen.


Rainer Maria Rilke in einem Brief vom 1. April 1921 an Katharina Kippenberg:

Verehrteste, liebe Freundin,
Lernet, in seiner Freude, schickt mir eben den Insel- Brief vom 22. März, ganz von Ihrer eignen Hand -, und gestern, endlich, empfmg ich sein Manuskript, das endgültige. Ich habe, eilig und ungeduldig es an Sie weiterzugeben, den Abend damit verbracht, es zu lesen, und nun bleibt mir nichts zu sagen, nichts, als daß ich glücklich bin, es Ihnen zu schicken. Ein Name, den ich sonst mit großer Vorsicht zurückhalte, drängt sich in meine Feder: hier ist ein Werk! Lesen Sie.

Aber ich möchte zurücknehmen, was ich an Körnern Vorurteils in Ihr Erdreich vorausgeworfen habe. Ich war im Unrecht. Diese neue Fassung unterscheidet sich so wesentlich von jener ersten, die allein bisher in meinem Besitze war, - die Manier, die Arabeske, die sich dort zu schließen schien, ist gesprengt, nun flutet es, lebt, drängt -, und es erweist sich wirklich, daß hier nicht eine literarische Neigung sich ausübte, - sondern die geheime Überlieferung eines ritterlichen Blutes die unzähligen Legenden des Erlebens so trug und mit sich riß, wie es ihrer eigensten Strömung entsprach.


Hilde Spiel: Eine vielschichtige Figur
(Aus dem Buch "Alexander Lernet-Holenia: Die Lust an der Ungleichzeitigkeit", erschienen bei Zsolnay, Wien; Veröffentlichung im Internet mit freundlicher Genehmigung des Zsolnay-Verlages)

Wären sie nicht, die kalendarischen Einschnitte, die künstlichen Zäsuren, man gäbe sich zu selten Rechenschaft über eine schöpferische Existenz. Alexander Lernet-Holenia, der morgen das Ende seines siebenten Jahrzehntes erreicht, hätte sich dennoch am liebsten in das nächste davongestohlen, im Zuge einer jener heimlichen Zustandsveränderungen, die ein Teil seiner Vorstellungswelt sind. Er feiert seine Feste am liebsten heimlich, unbeobachtet, jeder Gravitas abhold, wie sie etwa der "berühmte Mann" in Hofmannsthals "Schwierigem" so erheiternd exemplifiziert.
Weit eher gleicht er dem "Schwierigen" selber, der ein österreichischer Prototyp ist, im eigenen Urheber enthalten und vordem in Grillparzer, Raimund, Stifter, auch Schubert, in den Begabtesten dieses Landes schlechthin. Daß Lernet-Holenia eben jenes Stück ablehnt - weil Hofmannsthal die darin konterfeite Schicht verzeichnet habe -, spricht nur noch mehr für seine innere Affinität mit dessen Hauptfigur. Keinem Dichter seiner Zeit eignet wie ihm der Hang zu Rösselsprüngen, Krebsgängen, absichtlichen Irr- und Umwegen zum längst erkannten Ziel. Obgleich sein Werk verschlüsselte Hinweise aufseine eigene komplexe und hintergründige Natur enthält, verwischt er im übrigen alle Spuren. Sein Schreibtisch ist immer nackt, jede Andeutung einer dort ausgeübten Tätigkeit wird sogleich entfernt, und obschon er an ihn gerichtete Briefe liest und nicht, gleich jenem jungen Mann im Roman "Beide Sizilien", uneröffnet in ein nur zu diesem Zweck gemietetes Hotelzimmer wirft, so vernichtet und beseitigt er sie doch hinterher, als wäre alles Geschriebene ihm von Übel. Ja, er hat als junger Mensch sogar ein Bündel Briefe von der Hand Rilkes im Kamin verbrannt, weil ihn allzu zahlreich veröffentlichte Epistel derselben Herkunft ärgerten oder schmerzten.
Die beiden Namen, denen der seine sich natürlich anreiht, sind gefallen. Dem Bannkreis Rilkes und Hofmannsthals gehört der Spätgeborene an; und bringt er auch der Gegenwart eine mehr oder weniger gelassene Duldung entgegen, so wirkt er neben seinen Landsleuten Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, Peter Handke doch fraglos demodiert. Aber was ist Mode ? Das Zeitgebundene. Lernet-Holenia, dessen Lebenswerk sich auf den unterschiedlichsten Ebenen bewegt, hat Prosa und Lyrik geschaffen, die ruhig vertragen kann, eine ganze Weile übersehen oder gar mißachtet zu bleiben, weil sie immer wiederentdeckt werden muß.
Jene beiden Vorgänger hatten ihn gleichsam noch an der Hand in die Literatur eingeführt - Rilke, der 1921 an seine Fürstin schrieb, Lernets erster Gedichtband "Kanzonnair" sei "oft herrlich, weit über die Erwartung hinaus", und Hofmannsthal, der von ihm sagte : "Lernet kann alles, was er will." In der Tat hätte sein Schaffen an Umfang und Variabilität für fünfDichterexistenzen ausgereicht. In seiner Lyrik überragt er turmhoch den Dramatiker und Romancier, läßt auch im Grunde nur gelten, was er in gebundener Rede hervorgebracht hat. Es gibt von ihm in den Sammlungen "Die goldene Horde" (1935), "Die Trophae" (1946) und "Das Feuer" (1949) antikisierende, romantische, mythische, heraldische, bukolische Gedichte von einer kristallenen Klarheit. Seine Prosa enthält immer eine stilisierte Wirklichkeit, wenngleich er in seinen Beschreibungen alter Häuser und gewaltiger Heerscharen, Straßenbilder und Waldgegenden packend anschaulich ist. Es bestehen große Niveauunterschiede zwischen einer Meisternovelle wie "Der Baron Bagge" (1936), vollendeten Romanen wie "Beide Sizilien" (1942) und "Der Graf Luna" (1955) oder seiner berühmten "Standarte" (1934) und jenen mondänen Etüden, die in den Illustrierten der dreißiger Jahre erschienen und der Dame wohlgefielen, welche "Die Dame" las. Für die Bühne schließlich hat er Versdramen gleich denen Hofmannsthals hervorgebracht. Allenthalben aber, ob profund oder spielerisch seicht, bleibt seine Diktion eigenwillig und unverwechselbar.
Lernet-Holenias Linie ist die paradoxe eines rebellischen Konservativen. Er liebt das Vergangene noch mehr als das Bestehende, lehnt sich aber unaufhörlich gegen die Sachwalter beider Lebenszustände auf. In einer kurzen Selbstbiographie, einem Beitrag zum Buche "Jahrgang 1897" (Hoffmann & Campe), beschreibt er das 1902 gebaute Landhaus, in dem er aufgewachsen ist. Es ist heute noch, wie seine Nachbarin bestätigen kann, durchaus unverändert - im Erker liegen dieselben vergilbten Atlanten auf dem runden Tische, von großen Holzringen hängen dieselben geblümten Vorhänge herab. Durch seine Mutter mit dem gesamten Kärntner Adel verschwägert, kam er als Sohn des Marineleutnants Lernet zur Welt. Legenden, die um seine Geburt gerankt sind, hat er niemals bestätigt, obschon in seinem Roman "Die Inseln unter dem Winde" auf verkappte Weise genährt. Die darin enthaltene Nebenfigur einer Baronin Leerodt, die sich einem Seeoffizier vermählt, um das Kind eines Malteserritters habsburgischer Abstammung ehelich zu machen, schlägt das Thema der unsicheren Vaterschaft an. Fragwürdigkeit und Vertauschbarkeit jeder Identität sind seine immer wiederkehrenden Motive : Fast in jedem seiner Romane tauchen sie auf.
Das Erlebnis des ersten Krieges prägte seineJugend. An der russischen Front erfuhr er den Untergang des Habsburgerreiches, das ihm als eine vielfältige, prächtige und bunte Wohnstatt erschienen war. Seine Welt trug fortan die Züge nicht der jungen Republik mit ihren Wirren und Nöten, sondern der alten Monarchie. Es ist eine Welt der stillen großen Räume des Landadels, in denen die Sonne durch herabgelassene Jalousien auf Kirschholzmöbel scheint, vor dem Haus die bemooste Gartenmauer, der verwaschene Stein-Neptun, die silbrige Fontäne, eine Welt der grüngoldenen Salons, aber auch der blutigen Schlachtfelder, auf denen die starren, reichbestickten Embleme des versunkenen Reiches blitzen. Immer melden sich in ihr Ängste einer vielleicht allzu behüteten und darum um so empfindsameren Kindheit an vor finsteren Gängen und leeren Vorgemächern, in denen man umherirrt und sich vor dem Entdecktwerden schützt: im Belgrader Königsschloß der "Standarte", im Dachboden des Kiewer Gouverneurgebäudes in "Ljubas Zobel", in den römischen Katakomben des "Grafen Luna". Und immer gerät man aus dieser Welt hinaus in den Raum zwischen Leben und Tod, aufjenen Waldweg, der sich ins Nichtsein verliert.
In all den großen Exkursen, den dichterischen Einsprengseln, die auch Lernet-Holenias Unterhaltungsromane unterbrechen, tritt er aus irgendeiner lässig und nonchalant beschriebenen Situation plötzlich vor das Gesicht der Ewigkeit - wie im "Grafen von St. Germain" anläßlich einer ersten Behandlung des Pilatus-Komplexes - oder verliert sich in Visionen, einer kosmischen in "Beide Sizilien", einer allegorischen in "Mars im Widder". Dieses Buch, nach seiner Teilnahme am Polenfeldzug des Jahres 1939 verfaßt, bezeichnet seine Abkehr von jeglicher Kriegsromantik und seinen Triumph über das Trauma des Ersten Weltkriegs. Mit der Besudelung einer Idee, die ihm heilig gewesen war, der Idee des alten Römischen Reiches Deutscher Nation, rechnete er 1946 in seinem tiefen und formvollendeten Gedicht "Germanien" ab. Wenn er in den letzten zwei Jahrzehnten zuweilen seine Privatpolemiken - mit dem österreichischen Adel, den letzten Erben des Hauses Habsburg, den Wiener Finanzbehörden - in den literarischen Bereich übertrug, so sind dies verzeihliche Launen einer vielschichtigen Persönlichkeit. Man muß die Bedeutung dieses Dichters an seinen schönsten Werken messen, an seinem Brief des Oberleutnants Silverstolpe in "Beide Sizilien", der sich mit Hofmannsthals Chandos-Brief vergleichen läßt, an Gedichten wie seinem "Lazarus", seinen "Fragmenten aus verlorenen Sommern", seinem "Dreikönigszug", seiner Nänie "Die Abreise" und schließlich seinem Hymnus "An Christus", in dem er den trotzigen Prometheus-Ruf ausstößt:

Denn keine Unsterblichen gibt es,
als unseresgleichen. Großes haben
zwar
die Heroen getan,
Größres die Götter,
das Größeste aber
die Menschen.

(20. Oktober 1967)


Friedrich Torberg: Ein schwieriger Herr, 1967

Oft genug in den Jahrzehnten unsrer persönlichen Beziehung konnte ich mich nur schwer des Eindrucks erwehren, daß er seine Tätigkeit auf dem Gebiet der Literatur als ein nicht ganz standesgemäßes Hobby betrachtet, als eine unschickliche, mangels Hauptbeschäftigung allzu vordringlich gewordene Nebenbeschäftigung. Aber niemals kamen mir auch nur die geringsten Zweifel an seinem dichterisch Eigentümlichsten, an seiner Lyrik, und an der Lebenswichtigkeit, die er ihr beimaß. Und es will mir scheinen, als hätte ihn der Zeiten Widernis und Ungemach an dieser seiner empfindlichsten Stelle verwundet. Einmal fragte ich ihn rundheraus, ob er denn keine Gedichte mehr schreibe, und bekam eine ebenso wehmütige wie bildkräftige Antwort: Heute noch Gedichte zu schreiben, sagte er, sich heute noch im Gedicht ausdrücken zu wollen - das wäre fast so, wie wenn man ein Pferd besteigen sollte, um an ein bestimmtes Ziel zu gelangen.


Carl Zuckmayer: Die Siegel des Dichters, 1967

Wie die meisten Angehörigen dieserJahrgänge, wurde Lernet-Holenia mit dem Tode und dem Sterben in sehr früher Jugend konfrontiert. Noch nicht siebzehnjährig, meldete er sich beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu einem österreichischen Kavallerie-Regiment, bei dem er den vierjährigen Feldzug als Offizier mitmachte. Doch löst das Kriegserlebnis bei ihm nicht, wie bei den anderen Autoren seiner Generation, entweder aktivistische Kriegsgegnerschaft, Ächtung des Krieges und seiner sozialen und politischen Ursachen aus, oder aber Glorifizierung des Krieges und damit aktivistischen Nationalismus. Keines von beiden. Alexander betrachtete den Krieg, und die Geschehnisse seiner Zeit überhaupt, wie ein mythisches Schauspiel, an dem er zwar als Lebender teilnehmen muß, von dem er sich aber gleichzeitig als Schreibender distanziert. Dies läßt sich zum Teil damit erklären, daß er Österreicher ist - daß für ihn also mit dem Ausbruch, dem Verlauf und dem Ende dieses, des Ersten Weltkriegs, etwas auseinanderfiel, was ihm als das einzige noch Zusammenhängende erschienen war und worin all seine Lebens- und Wertbegriffe wurzelten. Andererseits damit, daß er, wenigstens zu Beginn des Feldzugs, als Kavallerist noch eine gewisse Schönheit des kriegerischen Vorgangs erlebt hat - soweit es bei einem Schreckensvorgang wie dem des Krieges überhaupt etwas wie Schönheit geben kann -, und es gibt, die großen Maler haben es uns gezeigt, ästhetische Kategorien selbst beim Höllensturz, beim Martyrium, bei der Schlacht. Der Aufzug, die Anordnung und die Entwicklung eines attackierenden Kavallerie-Regiments hinterläßt bei dem, der es überlebt, vermutlich die Erinnerung an eine furchtbar mitreißende Dynamik, an ein schauerlich blendendes Spiel mit dem Tod. So scheint es manchmal, als spiele die Reiterei, auch wo sie aufgerieben und niedergemäht wird, für Lernet eine ähnliche Rolle wie für Ernest Hemingway der Stierkampf: etwas, worüber er immer wieder schreiben muß und das sich in gewissen Sequenzen seines Werkes fast litaneienhaft wiederholt.


Stefan Zweig an Richard Strauss, 12. April 1935

Ist Ihnen von den gegenwärtigen Dichtern Alexander Lernet-Holenia vertraut? Er schiene mir eigentlich der Gegebene für eine Dichtung hohen Stiles: sein Saul, seine Alkestis sind nach Hofmannsthal das Reinste, was wir neben Carossa in der deutschen Dichtung haben. Ich sehe ihn in den nächsten Tagen und möchte ihm nahelegen, sich doch einmal mit einem Stoff an Sie zu wenden. Das wäre ein Glücksfall besonderer Art für Sie, wenn dieser Nobelste unserer dramatischen Dichter (der auch sehr viel Sinn für das Scurrile hat) Ihnen etwas schaffen könnte.


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