Alexander Lernet-Holenia

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Alexander Lernet-Holenia: "Der Baron Bagge" (1936)

(Buchbesprechung in "Rheinischer Merkur" vom 25.09.1998)

Ein Mann muß sich rechtfertigen und erzählt eine Geschichte, so seltsam, so phantastisch, so düster-schön - man mag es gar nicht glauben, daß sie sich in unserem Jahrhundert zugetragen haben soll. Dem Baron Bagge wird vorgeworfen, daß schon zwei Frauen seinetwegen aus dem Leben geschieden seien. Doch weist er alle Schuld von sich: Keinesfalls habe er sich um die beiden in irgendeiner Form bemüht oder sie gar ermutigt. Schließlich sei er "eigentlich schon verheiratet". Nur ist er seiner Frau nie im Leben begegnet.

Bagges Geschichte führt zurück ins Kriegsjahr 1915. Unter dem Druck der Armeen des Großfürsten Nikolaj ist die österreichisch-ungarische Front weit zurückgenommen worden.

Als Oberleutnant einer Dragonerschwadron unter Befehl des Rittmeisters von Semler stößt Bagge mit einer Aufklärungsmission nach Norden in Richtung der Stadt Nagy-Mihaly vor. Dieser Ritt durch Schnee und zunehmende Finsternis gehört zu den atmosphärisch dichtesten Szenen der österreichischen Literatur. Alexander Lernet-Holenia (1897-1976) taucht seine Novelle in die düstere Palette eines Goya. Aus dem eisigen Treiben weht die Reiter Verwesung an., als sie auf einem Baum mit drei Gehenkten stoßen, unter dem sich die Schwadron im flackernden Zündholzlicht staut.

Auf dem Weg durch die Nacht fällt Bagge ein, daß seine verstorbene Mutter einige Jahre in Nagy-Mihaly verbracht hatte und mit der Familie Szent-Kiraly befreundet gewesen war. Doch er schiebt seine Gedanken beiseite, weil Semler einen Sturmangriff auf den von russischer Infanterie besetzten Ort befiehlt.

In einer wahnwitzigen Kavallerieattacke jagt die Schwadron über eine Brücke nach Nagy-Mihaly. Schnee, Eisbrocken und Kiesel werden von den Hufen aufgewirbelt und treffen Bagge an Brust und Schläfe. Dann ist der Spuk vorbei, und eine fast traumhafte Ruhe kehrt ein. In Nagy-Mihaly werden die Soldaten herzlich empfangen, einbezogen in einen Taumel von Festen und Gastmähler. Die kleine Stadt erscheint geradezu übervölkert, fast als hätten sich die Bewohner des alten Reichs hier noch einmal zum großen Abschiedsbankett versammelt.

Bagge trifft die Familie Szent-Kiraly, deren Tochter Charlotte seine verstorbene Mutter schon als künftige Schwiegertochter ins Auge gefaßt hatte. Charlotte wird seine Geliebte, es scheint, als hätte sie nur auf ihn gewartet, und bevor seine Einheit wieder abzieht, werden die beiden getraut.

Je weiter die Schwadron vorrückt, desto düsterer, desto hinfälliger wird die Welt, ein Fluß scheint Glasscherben statt Wasser zu führen, Täler senken sich in immer tiefere Tiefen, Berggipfel verwehren dem Licht den Zutritt, seltsam leuchtet es aus dem Flußbett empor. "Ich glaubte in einem Albtraum zu liegen, und wie im Traume schien es mir auf einmal unmöglich, mich aus eigenem Willen zu bewegen, zu sprechen oder zu schreien, vielmehr folgte ich ganz zwangsläufig und ohne jede Einwirkung auf mein Pferd dem Zuge der andern, die ich fortwährend fragen wollte, was dieser Irrsinn bedeute."

Vollends unwirklich wird der Weg, als er eine Brücke erreicht, die mit Gold gedeckt scheint. Und auf einer Brücke findet Bagge sich jetzt wieder, auf der Brücke nach Nagy-Mihaly, während um ihn herum die letzten seiner Kameraden verbluten. Tage später erwacht er in einem Spital und erfährt, daß Charlotte Szent-Kiraly längst tot, schon lange vor jener gescheiterten Attacke von Tscherkessen ermordet worden ist. Einen Augenblick oder einige Tage lang war er mit ihr in einem Zwischenreich - in immer wiederkehrendes Motiv der Literatur, das man auch bei Bierce, Gerstäcker und Perutz findet. Alexander Lernet-Holenia aber gebührt das Verdienst, dieses Motiv ganz eigenartig gestaltet zu haben, als Totentanz, als grandioses Requiem auf Österreich-Ungarn und seine todmatte Herrlichkeit.