Alexander Lernet-Holenia

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Das lyrische Gesamtwerk

Zsolnay, Wien 1989. 688 Seiten. Gebunden. Preis DM 68,- / öS 503,- / sFr 62,50. (+ Bestell- und Versandkosten; Zusendung per Post-Nachnahme über den LESEN-Buchversand Andreas Hollinek; siehe unten).

György Sebestyén schreibt in der Hamburger Tageszeitung 'Die Welt' (auszugsweise):

'Mit 24 Jahren, 1921, veröffentlichte Lernet-Holenia seinen ersten Gedichtband. 'Pastorale' evoziert eine festliche Welt, in der Ritterschaft und Trauer mythische Bedeutung gewinnen. In den Allegorien vereinen sich Elemente der Antike und des Hochmittelalters zu einem ebenso tragischen wie eleganten Welttheater.
Der Band 'Lieder hoher Minne' (1922) zeigt am Beispiel von Übersetzungen nach Gedichten von Ulrich von Liechtenstein, Petrarca, Dante und anderen den 25jährigen als Meister der Form.
Im Band 'Kanzonnaire' (1923) ist die Sprache zerrissener, die Dichtung freier, die Bilderwelt im Zeichen eines barockisierenden Expressionismus bewegter.
In den Gedichten des Bandes 'Das Geheimnis Sankt Michaels' (1927) hat der 30jährige endlich jenen Zustand der inneren und also auch formalen Reife erreicht, in dem sich die eruptive Kraft der Vision mit der Disziplin der verdichtenden Sprache verbindet.'

'Acht Jahre später, 1935, erschien 'Die goldene Horde', und damit einige der vollendetsten deutschsprachigen Gedichte dieses Jahrhunderts.'

'Die Gedichte, die er ab 1936 geschrieben hat, erschienen zehn Jahre später im Band 'Trophae'; ebenfalls 1946 gab Gottfried Bermann-Fischers Verlag in Stockholm des Dichters Abrechnung mit dem Dritten Reich, das lange, in Blankversen verfaßte Gedicht 'Germanien' heraus.'

'In seinem letzten Gedichtband 'Das Feuer' veröffentlicht Lernet-Holenia Verse, in denen der 52jährige seine Weltsicht und sein Lebensgefühl nochmals verdeutlicht.'

'Die Lyrik von Alexander Lernet-Holenia ist - wie die Dichtungen von Ezra Pound oder von Jorge Luis Borges - der Beweis dafür, daß der Dialog der Geister von Empedokles bis heute und morgen, der Strom der Visionen, die schöpferische Arbeit der Sprache, die sich aus sich selbst erneuert, weiterbildet und durchgeistigt, durch das Geschrei des Marktes und der Ideologien nicht unterbrochen werden kann.'



Sylvia M. Patsch schreibt in der Zeitschrift 'Literatur und Kritik':

Die Gedichte von Alexander Lernet-Holenia sind die unbekannte Seite eines Autors, der mit seinen Romanen wahre Anstürme auf Leihbibliotheken verursachte und mit seinen Komödien zu rasch verblaßtem Ruhm und Geld kam. Von seinen neun schmalen Lyrikbänden hat er das breite Publikum ferngehalten, indem er sie in Auflagen von 200 bis 600 Stück publizierte. Für die Gedichte wollte er einen erlesenen Kreis, nicht die Massen. Ein seltsames Phänomen: er fühlte sich ausschließlich als Lyriker, und gleichzeitig verbarg er sich als solcher. In einem Brief bekanne er: 'Eigentlich nur um das Leben, das zu führen ich gewohnt gewesen bin, nicht ganz aufgeben zu müssen, habe ich weite Strecken meiner Zeit der Epik und dem Theater gewidmet. Aber zuletzt bin ich weder Epiker noch Dramatiker und eigenlich überhaupt kein überzeugter Literat... Ich habe mein Leben lang viel arbeiten müssen, aber ich bin nicht überzeugt von der Vorteilhaftigkeit der Arbeit. Sie hindert uns, das Leben so zu führen, wie es seiner würdig wäre. Ich habe auf meine wenigen Gedichtbände unvergleichlich mehr Arbeit verwendet als auf meine übrigen vielen Bücher, und das Ergebnis ist, daß jene dennoch unvollkommen geblieben sind wie alle versuchten und wirklichen Kunstwerke, und daß diese einen Zug ins Dilettantische und Snobistische aufweisen, wie er mir selbst am unangenehmsten ist.'

Der Rezensent soll dem Leser nicht vorschreiben wollen, wie dieser ein Buch zu lesen hat. Ich möchte einmal eine Ausnahme machen: bei Lernets Gedichten spricht einiges dafür, nicht am Anfang einzusteigen, sondern genau in der Mitte, dem Band 'Die golden Horde'. Der von Rilke und Hermann Bahr entdeckte, von Benn und Trakl beeinflußte, gleichsam von diesen eingefärbte junge Lyriker ist nämlich in seinen frühen Gedichten sehr schwer verständlich: ein Meister komplizierter Gedicht- und Strophenformen, spröder Metaphern, kühner Wortbildungen, preziöser Adjektive gewagter Satzkonstruktionen, ein gelehrter Dichter, hermetisch, geheimnisvoll, kryptisch - und, wie Robert Neumann bewiesen hat - ein leichtes Opfer für Parodisten. Das Erlebnis- oder Naturgedicht, Inbegriff des Lyrischen Sich-Verströmens, ist ihm fremd. Der Herausgeber des lyrischen Gesamtwerks, Roman Rocek, nennt Lernets selbstgeschaffene Kunstprache 'eine Art Salonbarock'. Und auch die Themen der frühen Gedichte liegen uns Heutigen eher abseits: antike und biblische Gestalten aus dem Alten und Neuen Testament, Adam und Eva, Abraham und Jakob, Ruth und Salome und viele, viele Heilige würden einen sehr beschlagenenen Leser voraussetzen; treten die Gedichte doch in die Lebensgeschichten dieser Figuren nur im dramatischesten Augenblick ein, meist in jenen des Todes, während die Vorgeschichte vorausgesetzt wird. Gewalttätige, expressionistische Bilder, gezwängt in alte, traditionelle Formen: die Folge ist eine fast unerträgliche Spannung.

Nähert man sich dem Dichter jedoch zunächst in einer späteren Phase seiner Entwicklung, so ist zu beobachten, daß seine Sprache einfach ist, schlichter verständlicher, menschlicher. Roman Rocek führt diese Wandlung zu einem neuen Ton auf Lernets Erfahrung mit dem gesprochenen Wort auf der Bühne zurück. Die Gedichte aus der Sammlung Die goldene Horde sind auch weit entfernt vom reinen Fühlen, denn Lernet bleibt immer der Beobachter, der um Erkenntnisse ringt und nichts unmittelbar ergreift oder von ihm ergriffen wird. Das zeigt auch die auffallend hohe Zahl von Gedichten, die im Imperfekt und im Konjunktiv abgefaßt sind. Das Imperfekt ist nicht das Tempus der Lyrik, wohl aber jenes der Ballade. Und dramatisch-balladeske Verdichtung kennzeichnet die mittlere Phase, die Reife dieses immer noch Ringenden.

In seinen frühen Gedichten und besonders in den vielen Übertragungen von Petrarca, Dante und aus dem Französischen - er beherrschte ein halbes Dutzend Sprachen vorzüglich - umkreiste er das Weibliche in immer neuen Annäherungen. In seiner letzten Phase rang er in der architektonisch großen, von Hölderlin übernommenen Form der Hymne um Geschichte: die der Antike, aber auch die österreichische.Mit Arbeiten wie der 'Hymne zum feierlichen Staatsakt Österreichs für Johann Wolfgang von Goethe am 18. August 1949' aus dem Band Das Feuer erkannte er, daß die neue Zeit keinen Platz mehr für einen Mann hatte, dem die Sprache des Gedichts so weit abgehoben war von jener des Alltags. Resignierend schrieb er im Alter von 52 Jahren: 'Nach Jahrtausenden der Schrift, ja nach der Überflutung durch die Schrift in der Gegenwart hat der Vers seine realistische Grundlage verloren und streckt die Waffen, eben jetzt in unserer Zeit, wie so und so vieles Andre. Man reitet ja auch nicht mehr, seit es Motoren gibt, und das einzig Mittelalterliche, das diese Zeit bestehen wird, ist, vielleicht, Gott...'

Lernet-Holenia starb 1976; fast dreißig Jahre hatte er nach dieser Verzichterklärung noch zu leben. Er hat mit Anstand auf sein Wichtigstes, das Gedicht, verzichtet.

Roman Rocek macht mit der sorgfältigen, sensibel und klug kommentierten Ausgabe einen der eigenartigsten Lyriker aus der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts zugänglich, von dem Hugo von Hofmannsthal sagte: 'Lernet kann alles, was er will'.



Rüdiger Görner schreibt in der Tageszeitung 'Neue Zürcher Zeitung':

'In der Lyik', schrieb Oskar Loerke in seinem bekenntnishaften Essy Das alte Wagnis des Gedichts, 'zeigen sich alle Lebensfragen als Fragen der Form'. Wie eindringlich sich Alexander Lernet-Holenia (1897-1972) seit seinen lyrischen Anfängen, die auf die frühen zwanziger Jahre zurückgehen, diesen Fragen gestellt hat, lässt sich anhand der sorgfältig editierten Ausgabe seines lyrischen Gesamtwerks nachvollziehen. Spielerisch schien er die kompliziertesten Formen zu handhaben: asklepiadeische Strophen so sicher wie einst Kopstock, Hölty und Hölderlin, Sonette so souverän und variantenreich wie sein grosser Mentor Rilke, Hymnen und Elegien im Stile Pindars. Dazu Kreuzlieder, Tanzlieder und Tagelieder, die ihn wie einen modernen Kürenberger oder Oswald von Wolkenstein erscheinen lassen.

Fraglos findet sich in Lernet-Holenias frühen Gedichten eine Vielzahl von Beispielen, die von der Formenwelt Rilkes und Hofmannsthals zehrten: Inversionen und Enjambements in Fülle, liturgische Anklänge und Versuche, die Dinge selbst zum Sprechen zu bringen, wie dies Rilke in seinen 'Neuen Gedichten' so unvergleichlich gelungen war. Ja es mag sogar sein, Rilke sich deswegen so nachdrücklich bei Kippenberg für den jungen Lernet-Holenia einsetzte, weil er insgeheim nach einem Nachfolger suchte, nach einen literarischen Erben, der begabt genug war, dieses Erbe schöpferisch weiterzuführen. Denn dass es dem jungen Lernet-Holenia um eigenständige Anverwandlung der literarischen Traditionen ging, kann kaum in Zweifel stehen, wenn man sich ernsthaft mit diesen Gedichten beschäftigt.

Meditative Einsamkeit, Klage und Leiden standen im Mittelpunkt von Lernet-Holenias erstem wichtigem Band, dem 'Kanzonnair' (1923), den er Rilke gewidmet hatte. Anders als Rilke lenkte er darin das Augenmerk seiner Leser auf die Gestalt des Heiligen und seinen Opfertod. Nicht der Engel vermittelt in diesen Gedichten zwischen Diesseits und Jenseits; nicht seine 'Ordnungen' sind Massstab, sondern das selbt-los werdende Ich des Heiligen. 'Nichts nahm teil' am Martyrium des heiligen Pantaleon. Nichts an dem der heiligen Juliane. Darin scheint ihre eigentliche Qual zu liegen - wie auch die der Poeten. Wie könnte man auch teilnehmen an ihrer vermeintlich grenzenlosen Einsamkeit, die sie ja als kostbarsten Besitz auch zu pflegen wissen?

Wie grundverschieden sollte Lernet-Holenia dreissig Jahre später fragen. In seiner berühmt gewordenen Kontroverse mit Gottfried Benn über den monologischen oder dialogischen Charakter der Lyrik vertrat er die Ansicht, dass der Dichter die Pflicht habe, seinem Einsamkeitskult abzuschwören. Er, den man für einen reinen Ästheten und Manieristen hielt, forderte jetzt, um 1952/53, dass der Dichter aus sich herausgehen solle, um nicht an seiner Einsamkeit zu scheitern. Wir lesen in seinem Brief an Gottfried Benn: '....gegenwärtig sein heisst: der Zeit voraus sein.' Benn entgegnete: 'Drücke dein Ich aus, dann gibst du dein Leben weiter an das Du, dann gibst du deine Einsankeit weiter an die Gemeinschaft und die Ferne.'

Was hatte Lernet-Holenia aber dazu gebracht, die Einsamkeit des Dichters zu opfern? Die Antwort findet sich in seinem womöglich bedeutendsten Gedicht, der Elegie 'Germanien' (1946). In ihr wirkt der Dichter als unbequemer Zeuge im Prozess der Geschichte, der seinem Volk Steine des Anstosses in den Weg rollt. In keinem Gedicht jener Tage findet sich die Schuldfrage radikaler zugespitzt als in dieser Elegie: 'Schiebt nicht die Schuld auf andre, - diese Schuld / und alles andre Schuldsein!' Und abermals: 'Denn was ist Schuld! / Weil keiner sich von allen gegen die / gemeinsame, die ungeheuere, / erhob, war jeder schuldig.'

Im Anblick des Grauens, der Verbrechen und der Zerstörung kann das Künstlerische nicht länger unbedarft und 'rein' bleiben. Aber Lernet-Holenia bewahrte das Mass: er sagte nicht, das Gedicht nunmehr zur Worthalde werden müsse; statt dessen beharrte er darauf, die äussere Form, den Rhythmus, die Alliterationen zu wahren und sie bewusst in Widerspruch zu dem nicht mehr zu 'glättenden' Inhalt zu setzen. So beklagt er beispielsweise in seinem Gedicht 'Reiter 1953 II' den Bruch im Lebensrhythmus, der durch die Ungeheuerlichkeiten des Nationalsozialismus verursacht wurde, in vollendet sprachrhythmischen Gefügen, versteht sich: 'Der Schritt, der rhythmische, des Reiters ist / zerbrochen - voll unterdrückter Unrast taumelte / er seinem Ende zu - / des alten Trauerspieles letzte Zeile.' Er scheute sich nicht, 'Ross und Reiter' zu nennen, wissend, dass es ihm beschieden war, den Geist von Rilkes 'Cornet' endültig zu Grabe zu tragen. Was Lernet-Holenia wie kaum ein anderer Lyriker nach Rilke vermochte, war, den Widerspruch von Form und Inhalt darzustellen und auszuhalten. Mögen das Ross und Reiter auch 'im Nichts taumeln'; was sie hält, ist das Formgerüst des Gedichts.

Diese Ausgabe, deren geradezu ins Essayistische ausgreifender Anmerkungsapparat des Herausgebers Roman Rocek besonders angenehm auffällt, vermittelt aber auch den Eindruck, dass Lernet-Holenia im Gedicht einen Kosmos gesehen haben dürfte, in dem Geschichte und Anachronismus, Liebe und Opfer, Gnade und Martyrium ihren Ort finden. Diese Gedichte sind ihrerseits mögliche Urgründe für Neuschöpfungen, auch dann, wenn sie vom Nichts handeln.

Das Nüchterne, Wortkarge war Lernet-Holenias Sache nicht. Wollen wir ihn postum anklagen, weil er versuchte, die Worte mit ihren brüchigen Inhalten und geprägten Formen noch einmal ganz zur Sprache zu bringen?

Mit dieser vorzüglichen Ausgabe seiner Gedichte widerfährt Lernet-Holenia Gerechtigkeit: sie beweist, dass die Lyrik seine dichterische Hauptleistung gewesen war, wie er dies auch selbst immer wieder behauptet hat. Und warum? Weil ihm nur im Gedicht Sätze wie dieser gelungen sind: 'Flüchtend erst / gelingt uns, was dort Zuflucht ist zu schaffen....'"