Alexander Lernet-Holenia

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Grandseigneur und mehr: Alexander Lernet-Holenia

Als man im Jahr 1997 die einhundertste Wiederkehr des Geburtstags von Alexander Lernet Holenia (1897-1976) feierte, herrschte unverkennbarer Enthusiasmus unter den Beteiligten. Kaum eine größere deutschsprachige Zeitung, die sich nicht in ihrem Feuilleton dem Ge-denktag selbst oder soeben neu erschienenen Romanen Lernets gewidmet hätte. 1 Jubiläen dieser Art sind aber keineswegs nur ein willkommener Anlaß der Berichterstattung durch die Tagespresse, sondern auch in der Literaturwissenschaft, wie in anderen Kulturwissenschaften, zu einem verpönten und gleichermaßen vielgenutzen Marketinginstrument geworden. Runde Geburtstage steuern darum vielfach die Konjunkturen der Forschung, ohne im mindesten Nachhaltigkeit zu garantieren. Geburtstage eignen sich also, das Interesse an einem Autor zu stimulieren – sei es auch um den Preis, daß allenfalls Strohfeuer dabei abgebrannt werden.
Lernet-Holenia hat immer schon seine Anhänger unter Wissenschaftlern wie Lesern gehabt. Gleichwohl erlebte er um die Jahrtausendwende eine gewisse Hochkonjunktur. So erschien z.B. 1997 im Böhlau-Verlag eine dickleibige Biographie über den Autor. 2 Im gleichen Jahr fanden literaturwissenschaftliche Symposien in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur und im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar statt. 3 Eine vielbeachtete Ausstellung des Österreichischen Bundesministeriums für Auswärtige Angelegenheiten tourt seitdem durch die Welt. 4 Und auch die germanistische Forschungsliteratur über Lernet-Holenia hat international nennenswerten Zuwachs erhalten. 5 Daß inzwischen in Wien ein Lernet-Holenia-Park eingeweiht und die lange verschwundene Gedenktafel in der Wiener Hofburg, gleich neben der Silberkammer, wieder angebracht wurde, sind – auch für Nicht-Leser – öffentlich wahrnehmbare Zeichen einer (kleinen) Lernet-Renaissance. Über sämtliche Aktivitäten zum Autor informiert aktuell und zuverlässig die Homepage der 1998 gegründeten Internationalen Alexander Lernet-Holenia Gesellschaft 6 : www.lernet-holenia.com, und immer mehr Neuerscheinungen und Übersetzungen seiner Werke können

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1 Vgl. dazu Hübner 1998.
2 Vgl. Rocek 1997.
3 Alexander Lernet-Holenia 1897-1976. Symposium in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur, Wien, 12.-14.5.1997; Alexander Lernet-Holenia zum 100. Geburtstag. Internationales Symposium im Deut-schen Literaturarchiv Marbach, 17.-19.10.1997.
4 Vgl. dazu Blaser/Müller 1998
5 Vgl. z.B. Dassanowsky 1996; Barrière 1998; Eicher/Gruber 1999.
6 Vgl. Anonym 1998.

dort verzeichnet werden. 7 Auch eine Reihe von CDs – Originalaufnahmen und Hörspiele oder auch Hörbücher –erschienen in den vergangenen Jahren. 8
Diese Erfolgsbilanz hat freilich auch ihre Schattenseiten: Daß neuerdings wiederholt Titel jüngerer Lernet-Ausgaben in den modernen Antiquariaten auftauchen, ist nicht zuletzt ein Indiz für einen nicht erwartungsgemäßen Absatz. Dem entspricht auch ein sichtbares Abflauen des verlegerischen Interesses: Die Abstände zwischen den einzelnen Buchpublikationen wurden seit der Wiederaufnahme des Autors ins Verlagsprogramm des Zsolnay-Verlags zunehmend größer, und auch beim Zweitverwerter Insel ist vom anfänglichen Impetus nicht mehr viel zu spüren. Mag sein, daß man mit dem Erfolgsautor von Gestern im Überlebenskampf an der Verkaufstheke der Buchläden weniger Glück hat, als zunächst die Resonanz auf die geschäftig angelaufene Jubiläumsmaschinerie erwarten ließ.
Die Lernet-Forschung (die Verwendung dieses Begriffes sei mir hier gleichsam heuristisch gestattet, auch wenn es sich nicht um eine große Community handelt) hat sich nach den Impulsen aus dem Geburtstagsjahr anscheinend jenseits der Marktgesetze als mehr oder minder beständige Diskussionsgemeinschaft etablieren können. Sie hat u.a. das Erscheinen einer Personalbibliographie zum Autor zu verzeichnen 9 sowie eine Tagung im vergangenen Herbst, 10 deren Ergebnisse noch im Sommer 2004 in Buchform vorliegen werden. 11 Nach einem Anschub, der die Rückbesinnung auf Autor und Werk 20 Jahre nach seinem Tode beinhaltete, geht es in den neueren Forschungsansätzen um seine Kontextualisierung im Spannungsfeld literarischer Systeme und Diskurse des 20. Jahrhunderts. Denn Alexander Lernet-Holenia war eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, befreundet und verfeindet mit zahlreichen Zeitgenossen, als Publizist der Tagespresse gefürchtet und als renitent verschrieen. Man wird ihm deshalb nur dann gerecht, wenn man ihn als Akteur in den Netzwerken des politischen und kulturellen Zeitgeschehens betrachtet.
Die öffentliche Wahrnehmung des Autors nimmt seit Jahrzehnten oftmals einen Umweg über die Skandale und Gerüchte, die sich um seine Gestalt ranken: Zeit seines Lebens gefiel er sich

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7 Die neueren Übersetzungen sind auf der Homepage der Lernet-Gesellschaft verzeichnet. Neueditionen der Werke liegen inzwischen bei Zsolnay und bei Insel vor
8 Zuletzt Der Baron Bagge 2003 und Ostfahrten 2004
9 Vgl. Barrière/Eicher/Müller 2001.
10 Alexander Lernet-Holenia und die österreichische Literatur der Nachkriegszeit, Tagung der Auslandsgesellschaft Nordrhein-Westfalen in Dortmund, 24.-26. Oktober 2003; vgl. dazu Strigl 2004.
11 Vgl. Barrière/Eicher/Müller 2004.

in der Rolle des illegitimen Sohnes eines habsburgischen Erzherzogs; 12 aus Anlaß der Nobelpreisverleihung an Heinrich Böll legte er sein Amt als Präsident des österreichischen PEN-Clubs nieder; noch in hohem Alter stand er wegen Körperverletzung vor Gericht, nachdem er einen Autofahrer geohrfeigt hatte, der s.E. den Verkehr aufgehalten hatte. 14
Ganz ähnlich verhält es sich mit den vielen Epitheta, die sich mit dem Namen des Autors stereotypisch verbunden haben:

„Grandseigneur der österreichischen Literatur“, [...] „der Caballero, der Lordsiegelbewahrer, der Grandseigneur unter den Dichtern seiner Generation [...], ein ritterlicher Poet“, [...] „Literaturkavalier“, [...] „der Dichterfürst“, „Österreichs Paradedichter“, „einer der letzten dichterischen Repräsentanten des alten Österreich“, „einer der letzten Herren der Literatur“, „der letzte Österreicher“, „ein Ritter des Absurden“. [...] Für andere war er ein „Snob“, „ein Schwieriger“, „ein geborener Einzelgänger“, „Enfant terrible der Literatur“, „eine vielschichtige Figur“, „ein ungewöhnlicher, eigenwilliger und höchst ungleich produzierender Autor“, „ein geistvoller und amüsanter Fabulierer“, „Causeur und Charmeur“, „rebellischer Konservativer“, [...] „dieser Don Quichotte der österreichischen Literatur, Minnesänger und Don Juan, Einsiedler und Dandy, dieser übertalentierte Literat“. 15

Lernet-Holenia selbst wollte vor allem als Dichter wahrgenommen werden. Als Rilke-Epigone verspottet, 16 verfaßte er zahlreiche Gedichte in vollendeter Form und geschliffener Sprache, die er in kleinen Auflagen drucken ließ, auch als er schon ein gefeierter Schriftsteller war. Berühmt wurde er durch seine dramatischen Werke, die ihn in der Zwischenkriegszeit zum Starautor der Wiener Bühnen machten und ihm 1926, ein Jahr nach Bertold Brecht, den renommierten Kleistpreis eintrugen, mit dem seine Stücke Ollapotrida und Österreichische Komödie ausgezeichnet wurden. 17
Doch schon in den Dreißiger Jahren erkannte Lernet, der mit dem Schreiben Geld verdienen wollte, daß das literarische Genre mit den größten Erfolgschancen der Roman sei, und sattelte um. Seinen Romanen indessen sieht man die schriftstellerische Vergangenheit ihres Autors deutlich an. Er beherrscht die Dramaturgie wie die Dialogregie hervorragend, und die an der Lyrik geschulte Eleganz seines Stils gleicht der ausgesuchter Preziosen. Gleichwohl entsteht dabei kaum je der Eindruck, der Autor habe sich besonders um diese Wirkung bemüht. Sein Erzählen geht mit einer scheinbar unverkrampften Leichtigkeit vonstatten, die es ihm auch erlaubt, ‚Unerhörtes‘ zu thematisieren. So entstanden bemerkenswerte Bücher, wie z.B. Die Abenteuer eines jungen Herrn in Polen (1931), Die Standarte (1934), Der Mann im Hut

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12 Vgl. dazu Dreihann-Holenia 1999.
13 Vgl. u.a. Sterk 1972.
14 Vgl. dazu Rocek 1997, 350f.
15 Daviau 1999, 40, Anm. 2.
16 Vgl. dazu Görner 2000.
17 Vgl. dazu Sembdner 1968, 92 97. Daß er den Preis wenig später zurückgeben wollte, unterstreicht wiederum die Skandalträchtigkeit seiner PR-Aktionen. Vgl. u.a. Diebold 1930

(1937) oder Ein Traum in Rot (1939), die sich unschwer als subversive Manifestationen von Kriegsgegnerschaft und Ablehnung des heraufdämmernden Nationalsozialismus interpretieren lassen. 18 Die Lesarten sind freilich variabel, da die Erzählhaltung der genannten Texte ambiva-lent ist: In den Abenteuern des Leutnants Keller, der an der polnischen Front des ersten Weltkriegs hinter die feindlichen Linien gerät und sich nur in der Verkleidung eines Bauernmädchens seiner Verhaftung entziehen kann, um nach dem Einmarsch seiner Kameraden für seine Tapferkeit ausgezeichnet zu werden, droht die Kritik an der Sinnlosigkeit des Grabenkriegs hinter den komischen Verwick¬lungen der Handlung zu verschwinden. In der Standarte wird des Protagonisten Trauer um ein vergangenes und seine Hoffnung auf ein wiedererstehendes Reich durch eine offene Rahmenhand¬lung rela¬tiviert, die diesen (Kreigs-)Helden in der Außenansicht als gescheiterte Existenz erscheinen läßt. Die Faszi¬nation schließlich, die im Mann im Hut von einem hier mit phantasti¬schen Elementen um-rahmten, wiederbelebten Nibelungenmythos ausgeht, wird dadurch gebrochen, daß der Massengrabhügel der erschlagenen Nibelungen im Veröffentlichungsjahr 1937 als Symbol für das erwartbare Scheitern kommender Ostzüge zu erkennen gewesen sein muß.
Nach dem Polen-Feldzug ist Lernet-Holenia mit Mars im Widder der erste deutschsprachige Romancier, der wahrheitsgemäß berichtet, daß nicht etwa nur „zurückgeschossen“ wurde. Der Roman schildert den Einmarsch von 1939 aus der Sicht eines beteiligten österreichischen Offiziers. Hier brilliert der Erzähler u.a. mit besonders einprägsamen Naturbildern wie dem einer an der polnischen Grenze beobachteten Massenwanderung von Krebsen:

Das Band hatte eine Breite von zwei oder drei Fuß und bewegte sich nicht nur über die Straße, indem es aus dem rechten Straßengraben hervorkam und in den linken hineinführte, sondern es rührte sich auch in sich selber. Es hob und senkte sich fortwährend um ein weniges, raschelte und schabte, ja es schien sogar, als klirre es hin und wieder mit leichtem, metallenem Ton. Als werde ein Bündel oder vielmehr ein Streifen nebeneinander liegender Ketten über die Straße gezogen, kroch es vorüber. Aber die Ketten bestanden nicht aus Glie¬dern, sondern aus dahinkriechenden Tieren. 19

Ein Zug der Lemminge in einer ungewohnten Variante, allemal ein hell¬seherisches Symbol des nahen Untergangs der Invasionstruppen. Daß sich der Zug aber nach Westen bewegt, läßt bereits die russischen Panzerarmeen erahnen, die später aus der Gegenrichtung anrücken würden.

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18 Vgl. in diesem Sinne zu Abenteuer Dassanowsky 1996, 25-33, zur Stan¬darte ebenda. 36-50, zu Der Mann im Hut Rocek 1997, 207-210.
19 Lernet-Holenia 1999, 161f.

Immerhin gelang die Publikation dieses Romans in der Zeitschrift Die Dame 1940, bevor die Auslieferung der Buchfassung verboten wurde. Wenig später verbrannte die verbotene und zurückgehaltene Gesamtauflage bei einem Bombenangriff im Lager des Fischer Verlags und konnte anhand eines Korrekturabzugs, den der Autor über die Kriegsjahre gerettet hatte, nach 1945 neu gedruckt werden.
Alexander Lernet-Holenia avancierte nach dem zweiten Weltkrieg schnell zu einem der prominentesten Vertreter der österreichischen Literatur; denn er sicherte ihr jene Kontinuität, die von den konservativen nicht-nationalsozialistischen Intellektuellen gewünscht und von der Kulturpolitik des Landes gefördert wurde. „Die österreichische Literatur besteht derzeit aus zwei Autoren, aus dem Lernet und dem Holenia“ 20, spottete darum Hans Weigel 1948. Mit seinem Festhalten am Habsburg-Mythos und seinem literarischen Traditionalismus war Lernet-Holenia der richtige Kandidat für diesen Alleinvertretungsmythos. Doch zeigen seine Texte durchaus Seiten, die man ihnen auf den ersten Blick nicht unbedingt zutraut. Sie erweisen sich nämlich als politische Zeitdokumente. So sind vor allem die Elegie Germanien (1946) und die beiden Romane Der Graf von Saint Germain (1948) und Der Graf Luna (1955), geprägt von der Auseinandersetzung mit der österreichischen und der persönlichen Vergangenheit des Autors im Schatten des ‚Dritten Reichs‘.
Besonders deutlich wird Lernet-Holenias Kritik an den gesellschaftlichen Umbrüchen der Kriegs- und Nachkriegszeit im Roman Der Graf Luna, wo in Andeutungen auf sarkastische Weise an die Greuel der Konzentrationslager erinnert wird. Seltsam erscheint hier jedoch eine Umwertung ethisch-moralischer in ökonomische Kategorien, die nur bedingt der Figurenperspektive des ‚degenerierten‘ Helden Jessiersky angelastet werden kann. Schon in Germanien wird eine erzählerische Kälte gegenüber dem in¬dividuellen Leid der NS-Zeit auf ähnliche Weise erzeugt, indem materialistische Handlungsmotivationen der Täter aufgeboten werden: „Das Dritte Reich / verzehrte sich vor Habgier, preßte bei, / [...] raffte, trog, / ver-hehlte das Erraffte, schändete / den Raub noch“ 21 , wird dort formuliert.
Im Grafen Luna dehnt sich diese metonymische Entschärfung des Tatsächli¬chen auch auf die ohnehin marginalen Bemerkungen zum Lagerleben Lunas aus. Da ist zwar von „Härten und Strapazen“ 22 die Rede, von der Grausamkeit der Büttel und der ‚Unbehaglichkeit‘ der

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20 Zit. nach Dassanowsky 1996, 126.
21 Lernet-Holenia 1989, 369f.
22 Lernet-Holenia 1981, 56.

Zwangsarbeit, 23 ja sogar von „all den lebenden Skeletten“ 24 aus dem Lager, die nach der Befreiung in die umliegenden Lazarette eingeliefert werden; auch wird die Vermutung Jessierskys wiedergegeben, Luna würde „in jenem Lager halb oder ganz zu Tode geprügelt“ 25 , der Begriff ‚Konzentrationslager' wird indessen nicht verwendet, die Massenvernichtung in den gleichnamigen Lagern nicht erwähnt, und für die „unbehaglich[e]“ Zwangsarbeit als solche finden sich Entschuldigungen, z.B.: „[W]arum hätte man das Salz auf behaglichere Weise fördern sollen, wenn doch die Verhältnisse auch im übrigen engumklammerten Reich schon so unbehaglich geworden waren wie nur möglich...“ 26
Wo aber die wirtschaftliche Komponente der Zwangsarbeit in den Vordergrund gestellt wird, da nähert sich die Rede des Erzählers dem nationalsozialistischen „Arbeit-macht-frei“-Diskurs an, auch wenn sie hier den Aspekt der Rufschädigung für das Dritte Reich betont:

Doch war’s zwar verständlich, daß sich das Dritte Reich, wie auch schon soundso viele andre Rei¬che vor ihm, Sklaven hielt; nicht verständlich aber war, daß es diese seine Sklaven, zum Unterschied von der Art, auf welche sie anderswo gehalten wur¬den, so miserabel behandelte, daß es sich um ihre Arbeitskraft und mithin auch um den Nutzen brachte, den es davon hatte, beziehungsweise hätte haben können. Ja darüber hinaus ver-schlechterte es eben dadurch den üblen Ruf, in dem es ohnedies schon stand, nur noch mehr und schuf sich immer neue Feinde. 27

Natürlich paßt diese Darstellung in das leitende Konzept des Romans, das der untergehenden „Welt von Kriegern“ eine „Welt von Händlern“ gegenüberstellt, „die bloß zwischendurch Kriege führten“, um wirtschaftliches Wachstum herbeizuführen. 28 Vor diesem ökonomischen Hintergrund werden auch die Entnazifizierung und der Kalte Krieg ebenso zur geschichtlichen Farce wie „der Tod der fünfunddreißig Millionen Menschen, die das Dritte Reich auf dem Gewissen hatte [...]. Wir meinen, daß selbst der Verlust dieser Unmenge von Menschen nur mehr eine Episode war, die, wahrscheinlich mit Recht, vergessen wurde.“ 29
Der Text gibt sich hier expositorisch, er argumentiert aus einer Metaperspektive und setzt dabei im Plural der Bescheidenheit ein unpersönliches „Wir“ in Szene, dem Ironisierung der Figurenreflexion und Dialogregie der Romanerzählung gleichermaßen zuzuschreiben sind. Doch bleiben die essayistischen Einsprengsel dieser Art zu eindimensional, um tatsächlich analytisch zu wirken. In ihrer Monokausalität wiederholt sich die Erklärung Millemoths, der

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23 Vgl. ebenda., S. 57.
24 Ebenda., S. 59.
25 Ebenda., S. 42.
26 Ebenda., S. 57.
27 Ebenda., S. 56f.
28 Ebenda., S. 55.
29 Ebenda., S. 60.

im Gespräch mit Jessiersky die Soziologie mit der Nationalökonomie gleichsetzt. 30 Zur eigentlichen Gesellschaftsanalyse, die eben über auktoriale Randbemerkungen zu einer Kriminalhandlung hinausgehen müßte, nutzt Lernet-Holenia seine Romankonstruktionen nicht. Und dennoch läßt sich seine Vorliebe für verbale Verharmlosungen und ‚Schnellschüsse‘ aller Art nicht mit nationalsozialistischer Parteigängerschaft verwechseln.
Ein Nazi war Lernet wohl nicht und schon gar nicht nachweislich. Sicher ist jedoch, daß er das entsprechende Etikett jahrelang mit sich herumgetragen hat, immer wieder genährt durch Verfemungen im Zusammenhang mit persönlichen und politischen Streitigkeiten. So trug ihm etwa eine Auseinandersetzung mit Hans Habe den Beinamen „Hitler-Husar“ 31 ein. In umgekehrter Stoßrichtung hat Lernet-Holenia seit Kriegsende ei¬nen sicheren Blick für das Wiedererstarken faschistischer Positionen, wie er es im Grafen Luna geißelt. Er wittert förmlich faschistische Intrigen um sich herum. Eine von ihnen manifestiert sich in den antisemitischen Kommentaren zu seinem Pilatus (1967), die er in einer Replik im Rahmen einer Lesung in der Gesellschaft für Literatur heftig attackiert:

Alexander Lernet-Holenia [...] ließ bei seiner Vorlesung aus seinem jüngsten Buch [...] die Eleganz eines Kavaliers der österreichischen Literatur, der er sooft genannt wird, vermissen. In seinen Prolegomena polemisierte er aufs heftigste gegen eine in einer Wiener Tageszeitung erschienene abfällige Kritik des Buches sowie gegen ihre Verfasserin und den Chefredakteur des betreffenden Blattes. Durch einen Zwischenruf des Kulturressortchefs jener Zeitung [...] erst recht aufgebracht, steigerte er sich aus dem anfänglichen ironischen und sarkastischen Ton immer stärker in eine schon peinlich wirkende Cholerik hinein. Der ehemalige Kavallerist ging offenbar auf einmal mit ihm durch. 32

Noch ein Skandal, und nicht der letzte, in den Alexander Lernet-Holenia verstrickt ist. Doch hier geht es tatsächlich um eine für ihn fundamentale Frage, so daß ihm seine Reaktion von heute aus gesehen Sympathien verschaffen muß. In der Forschung jedoch zählt sie zu den noch nicht restlos aufgeklärten Problemfeldern seiner Biographie. Der Themenkomplex Lernet-Holenia und der Antisemitismus bedarf ohne Zweifel ebensosehr weiterer Aufklärung wie sein Verhältnis zu den nationalsozialistischen Machthabern der Kriegszeit. Andere genuin literarhistorische Forschungsdesiderate lassen sich dem hinzufügen. So ist beispielsweise der Dramenautor Lernet noch zu wenig bearbeitet worden, und auch seine Briefe harren bislang noch der Edition, ganz zu schweigen von ihrer Einordnung in ihr kulturhistorisches Umfeld. Aber auf diese Weise bleibt sichergestellt, daß es auch in Zukunft ein wissenschaftliches Interesse für Alexander Lernet-Holenia geben wird, so daß man auch jenseits von Jubiläen und Gedenktagen gespannt bleiben darf auf die Ergebnisse.

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30 Vgl. ebenda., S. 45.
31 Vgl. ebenda., S. 329-331.

Literatur

Anonym: „Lernet-Holenia bekommt eine eigene Gesellschaft“. In: Die Presse [Wien], Nr. 15176 (23.9.1998), 28

Barrière, Hélène, Eicher, Thomas und Müller, Manfred (Hrsg.): Schuld-Komplexe. Das Werk Alexander Lernet-Holenias im Nachkriegskontext. Oberhausen: Athena 2004

Barrière, Hélène, Eicher, Thomas und Müller, Manfred: Personalbibliographie Alexander Lernet-Holenia. Oberhausen: Athena 2001

Barrière, Hélène: Le fantastique dans l’œuvre narrative d’Alexander Lernet-Holenia. Diss. Arras 1998

Blaser, Patrice und Müller, Manfred (Hrsg.): Alexander Lernet-Holenia 1897-1976. Katalog einer Ausstellung, veranstaltet vom Bundesministerium für Auswärtige Angelegenheiten. Wien 1998

Dassanowsky, Robert von: Phantom Empires: The Novels of Alexander Lernet-Holenia and the Question of postimperial Austrian Identity. Riverside: Ariadne Press 1996

Zum Anker

Diebold, Bernhard: „Er will den Kleistpreis zurückgeben. Bedenkliche Betrachtung meines Kleistpreisträgers“. In: Leipziger Neueste Nachrichten [Leipzig], Nr. 242 (30.8.1930), 2

Donald G. Daviau: „Alexander Lernet-Holenia in seinen Briefen“. In: Eicher, Thomas und Gruber, Bettina (Hrsg.): Alexander Lernet-Holenia: Poesie auf dem Boulevard. Köln/Weimar/Wien: Böhlau 1999, 39-63

Dreihann-Holenia, Alexander: „Alexander Lernet-Holenia: Herkunft, Kindheit und Jugend“. In: Eicher, Thomas und Gruber, Bettina (Hrsg.): Alexander Lernet-Holenia: Poesie auf dem Boulevard. Köln/Weimar/Wien: Böhlau 1999, 17-37

Eicher, Thomas (Hrsg.): Ostfahrten. Dietmar Grieser liest Alexander Lernet-Holenia [CD]. Oberhausen: Athena 2004

Eicher, Thomas und Gruber, Bettina (Hrsg.): Alexander Lernet-Holenia: Poesie auf dem Boulevard. Köln/Weimar/Wien: Böhlau 1999

Görner, Rüdiger: „Schwieriges Erbe. Lernet-Holenias Verhältnis zu Rilke.“ In: Sprachkunst [Wien] 26 (2000), 308-321

Hübner, Klaus: Alexander Lernet-Holenia. In: Fachdienst Germanistik [München] 16, Nr. 1 (Januar 1998), 8f.

[Koselka, Fritz]: „Pilatus – gesehen durch ein Monokel“. In: Wiener Zeitung, 17.11.1967

Lernet-Holenia, Alexander: Das lyrische Gesamtwerk. Hrsg. von Roman Rocek. Wien/Darmstadt: Zsolnay 1989

Lernet-Holenia, Alexand
er: Der Baron Bagge. Ein Hörbild für 8 Stimmen und 1 Sänger. Eingerichtet von Alexander Schuhmacher. Komposition und Gesang: Michael Schiefel. Wien: Preiser Records 2003

Lernet-Holenia, Alexander: Der Graf Luna. Wien/Hamburg: Zsolnay 1981

Lernet-Holenia, Alexander: Mars im Widder. Wien: Zsolnay 1997

Rocek, Roman: Die neun Leben des Alexander Lernet-Holenia. Eine Biographie. Wien u.a.: Böhlau 1997

Sembdner, Helmut: Der Kleist-Preis 1912-1932. Berlin: Schmidt 1968

Sterk, Harald: „Weil Böll Nobelpreisträger wurde. Lernet-Holenia will nicht mehr Präsident des österreichischen PEN-Clubs sein.“ In: Arbeiter-Zeitung [Wien] (21.10.1972)

Strigl, Daniela: „Eine Tagung, die weiter ging. Alexander Lernet-Holenia in Dortmund“. In: Zwischenwelt 20, Nr. 4 (März 2004), 59