Alexander Lernet-Holenia

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Rezension "Phantom Empires"

Thomas Eicher, Dortmund

Es wird keine leichte Sache werden, Alexander Lernet-Holenia (1897-1976) zu einer ihm und seinem Werk angemessenen Beachtung zu verhelfen. Robert Dassanowskys "Phanom Empires" stellt den seit langem fundiertesten und vielversprechendsen Anlauf in dieser Richtung dar. Erschienen ein Jahr vor dem hundertsten Geburtstag des Autors und zeitgleich mit dem Start der Neuauflage seiner Werke, könnte von diesem Buch eine stimulierende Wirkung auf die einschlägige Forschung ausgehen.

Dassanowsky präsentiert Lernet-Holenia als einen wichtigen österreichischen Autor unseres Jahrhunderts, zudem - und darin besteht das innovative Potential dieser Arbeit - als einen Kritiker der politischen Verhältnisse in Österreich seit dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie. Er konzentriert sich dabei auf das Erzählwerk Lernets, aus dem er neun Romane und die bekannte Novelle "Der Baron Bagge" hervorhebt. Jeweils zwei dieser Texte stehen im Zentrum von fünf Kapiteln, die ihrerseits Entwicklungsphasen des Autors repräsentieren.

Die erste Phase zwischen 1930 und der Ausrufung des Ständestaates wird von der Trauer über den Untergang der Monarchie dominiert. Einem Roman wie "Die Standarte" (1934) wird dabei aber - bei aller Sentimentalisierung - zugetraut, nicht nur gegen die Faktizität der Geschichte zu protestieren, sondern auch der Kritik an den herrschenden politischen Verhältnissen, etwa der verhängnisvollen Annäherung an das Deutsche Reich, Ausdruck zu verleihen.

Die Periode vor dem "Anschluß", für die "Baron Bagge" und "Die Auferstehung des Maltravers" (beide 1936) stehen, charakterisiert Dassanowsky mit einem alludierenden Hinweis auf Hermann Brochs "Schlafwandler"-Trilogie. Die Schuschnigg-Ära überdauert Österreich in einem paralysiert-traumhaften Zustand zwischen Schlafen und Wachen, Leben und Tod. Der Traum des Baron Bagge, der ihn in eine heile Welt untergegangener Adelsgeschlechter führt und sogar die Eheschließung mit einer Traumfigur beinhaltet, entpuppt sich vor diesem Hintergrund als politische Illusion, die ihre Anhänger ins Verderben reißt: "His insistence that he is married, albeit to a dream figure, represents First Republic Austria's inability to free itself from romantic notions of imperial past" (S. 2068).

Dassanowsky Übersicht über Lernets Romanschaffen während des Zweiten Weltkriegs präsentiert den Autor als Regimegegner in der "inneren Emigration". Sein zentrales Werk "Mars im Widder" (1941), essen Erstauflage vor ihrer Auslieferung komplett von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurde, zeigt Sympathien für den aristokratischen Widerstand, in dessen Kreise der Protagonist Wallmoden Einblick erhält, und eine Vielzahl subversiver Anspielungen, etwa das Bild einer Massenwanderung von Krebsen, die das Vorrücken der deutschen Panzerarmeen in den sicheren Untergang symbolisiert.

In der Nachkriegszeit betreibt Lernet-Holenia mit seiner Literatur aktive Vergangenheitsbewältigung. Für diese Phase stehen bei Dassanowsky die Romane "Der Graf von Saint Germain" (1948) und "Der Graf Luna" (1955). Ersterer ist m.E. besonders hervorzuheben, weil er sich - ungewohnt für den Autor - avancierter Erzähltechniken der Klassischen Moderne bedient, indem er z.B. virtuos mit verschiedenen Zeitebenen operiert und eine Reihe von gewichtigen intertextuellen Bezügen aufweist, denen Dassanowsky nachgeht. Hier klagt Lernet-Holenia die politischen Verfehlungen der österreichischen Zwischenkriegszeit und nicht zuletzt auch sein eigenes Verhalten an: "a novel born to the author's nagging conscience over his passive, apolitical pre-Anschluss manner and his involvement as a soldier and employee of the Nazi regime" (S.140).

Sogar dem Spätwerk Lernet-Holenias, das für gewöhnlich als eher schwache Unterhaltungsliteratur eingestuft wird, kann Dassanowsky noch etwa abgewinnen. Er erkennt auch in den Texten der sechziger und siebziger Jahre jene zynische Gesellschaftskritik, die schon sein hochkarätigeren Romane auszeichnete.

Insgesamt kommt Lernet-Holenia bei dieser Werkschau nicht nur ungeschoren, sondern auch gegenüber früheren ideologischen Anfeindungen geradezu rehabilitiert davon. Das hätte auch anders ausfallen können. So wird ihm ein echter Vorwurf weder aus seinem lebenslangen Monarchismus gemacht noch etwa aus seiner langanhaltenden Fehleinschätzung des Nationalsozialismus. Dassanowsky bleibt in dieser Hinsicht neutral, leider auch in bezug auf die literarische Qualität der untersuchten Werke, die man in ihrer Gesamtheit als hochgradig heterogen einstufen muß. Der methodische Ansatz diese Buches erlaubt es seinem Verfasser, sich solchen Wertungen zu entziehen. Dassanowsky nennt ihn "sociopolitical approach" (S.13), ohne diesen Anspruch immer im einzelnen einlösen zu können; denn eigentlich wird hier, wie gezeigt, die politische Position Lernets und seiner Romane untersucht. Dabei kommen gesellschaftliche Entwicklungen, wenn überhaupt, dann zumeist aus der Perspektive der Texte Lernet in den Blick, und die politischen Ereignisse des Tages stehen so manches Mal etwas unverbunden neben den Textanalysen, die häufig genug auch intertextuelle Bezüge zu bekannten Werken der älteren oder zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur herausarbeiten. Sozialhistorische Aspekte gewinnt Dassanowsky zumeist aus historiographischen Darstellungen unserer Tage und nicht aus zeitgenössischem Quellenmaterial. - Sicher, das wäre viel verlangt für eine der ersten breit angelegten Würdigungen des Autors. Indes wirken einige der hier vorgenommenen Übertragungsversuche etwas kurzschlüssig. Insbesondere die wiederholte Identifikation des Autors mit seinen Protagonisten oder wenigstens die Betonung ihrer autobiographischen Züge verkürzen zuweilen die Interpretation der Texte.

Dies alles ist verzeihlich, wo es nach dem Willen des Verfassers um "Alexander Lernet-Holenia's view of the problem of postimperial Austrian identity" (S.13) geht. Über seine literarhistorische Bedeutung freilich bleibt noch viel zu sagen, auch wenn Dassanowsky überzeugend nachweist, daß es gerade der Mitteleuropa-Gedanke ist, der nicht nur das Werk Lernets wie ein roter Faden durchzieht, sondern auch neuerdings nach dem Zusammenbruch des Ostblocks aufgrund seines identifikatorischen Potentials fröhliche Urständ' feiert.

Die Forschung mag sich aufgefordert fühlen, die zahlreichen Anregungen aufzugreifen, die Dassanowskys Buch enthält. Lernet-Holenias Verhältnis zu seinen literaturschaffenden Zeitgenossen könnte eine mögliche Zielrichtung weiterer Untersuchungen sein: etwa seine Ablehnung der Avantgarde und linker Intellektueller nach dem Zweiten Weltkrieg oder aber - auch das scheint mir vielversprechend - zu den inzwischen von der Germanistik anerkannten Kollegen, etwa Stefan Zweig, Joseph Roth, Franz Werfel.

Dassanowskys Studie kommt zur rechten Zeit auf den Markt. 1996 hat der Wiener Zsolnay-Verlag "Die Standarte" herausgebracht, 1997 sind ihr "Ein Traum in Rot" und "Mars im Widder" gefolgt. In diesem Jahr lenken auch einige Feierlichkeiten zum Gedenken Lernet-Holenias die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf den Autor. Symposien finden in Wien und Marbach am Neckar statt, die auch das Forschungsinteresse aktivieren werden. Steht zu hoffen, daß gerade die österreichische Germanistik, die derzeit auf breiterer Front eine eigenständige literarische Tradition Österreichs diskutiert, über Lernet-Holenia (kontrovers) ins Gespräch kommt. Aus amerikanischer und übrigens auch aus deutscher Perspektive fällt dies ganz sicher leichter; denn es geht dabei - wie Dassanowsky richtig bemerkt - um (nationale) Identität, deren Reorganisation nach dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union wieder einmal fällig ist. Aber es wäre Lernet-Holenia durchaus zu gönnen, wenn seine Romane auch über ihre regionale Verankerung hinaus von der Literaturwissenschaft neu bewertet würden. Dafür scheint mir wiederum der in seinem Werk überall durchscheinende und so manches Mal auf originelle Art verarbeitete Identitätsverlust geeignet, der für die moderne Literatur insgesamt ein zentrales Thema darstellt.