Amerika und die Europäer, Essay von Alexander Lernet Holenia
Erschienen in: Der Turm 2. Jahrgang Nr. 09/10, S.302, Wien, 1947
Der Lebende hat recht.
Dies ist der Satz, mit dem die neue Welt der ganzen übrigen erwidert, was immer diese gegen jene vorbringen mag; und damit behält sie denn auch wirklich recht, fast überall und fast immer. Dies ist der einzige Satz, der kein bloßes Wort ist oder eine Zusammenstellung von Wörtern, er braucht nicht einmal ausgesprochen zu werden, er wird auch nicht ausgesprochen, er geschieht, er ist eine Tat. Er ist sogar stärker als der Satz vom Kechte des Stärkeren, denn das Leben ist stärker als die Gewalt.
Das Wort ist ganz auf der Seite der alten Welt geblieben, auch das Wort bleibt in seinem Rechte, es wird freiwillig in seinem Rechte gelassen, aber es tut nicht mehr die Wirkungen, die wir von ihm erwarten und um welche wir die neue Welt, die es noch nicht hat, beneiden — weil sie es noch nicht hat. Denn — gestehen wir's uns ein — wir beneiden sie wirklich, und damit haben wir das Urteil, das die Geschichte und der Ablauf der Zeiten über uns gesprochen haben, bestätigt oder es zumindest ohne Bestätigung ratifiziert. Auch unser Eigenstes ist nicht mehr unser ausschließlicher Besitz, man kann es kaufen, man kann es sogar billiger kaufen, als wir zugeben wollen, ja selbst für die Begriffe, die uns jetzt noch unverkäuflich scheinen, werden sich die Preise finden. Denn wir werden die neue Welt durch uns selbst schulen, wir sind schon daran, auf die Art etwa, auf welche Griechenland die Erzieherin der Antike geworden ist, und über ein paar Jahrzehnte werden die Experten für unsere Kultur nicht mehr bei uns allein zu finden sein, sondern drüben wird es ebenso gute geben, ja vielleicht noch bessere.
Ich gebe freilich zu, daß zum Beispiel jene kleinsten Lebewesen, denen das englische Leder seine Gerbung oder das Pilsner Bier seinen Geschmack verdankt, nicht zu verpflanzen sind — man hat die bezüglichen Versuche gemacht, und sie sind gescheitert. Aber es braucht ja in der Tat nicht alles verpflanzt zu werden. Man kann uns auch bereisen, wir werden ein Reiseziel bleiben — nicht auf die Art zwar, auf die es im Dritten Reiche hieß: Wien bleibt Schnellzugsstation; wir bleiben sogar ein großes Reiseziel und werden nur nach und nach ein Ausflugsziel werden. Ja, die Sehnsucht nach Europa wird in Amerika groß sein, sie ist schon jetzt erheblich — aber dennoch wird niemand einen amerikanischen Paß gegen einen europäischen eintauschen wollen, und das ist das Entscheidende.
Doch auch wir selbst sollten unsere Pässe nicht gegen amerikanische tauschen wollen, so wenig behaglich wir uns mit den unseren auch fühlen. Denn ein wirklicher Europäer wird bestenfalls ein Neoamerikaner, nichts weiter — und jene unter uns, die nicht wirkliche Europäer sind, gehen uns nichts an. Wir sollten überdies nicht vergessen, daß uns, sosehr wir im Begriffe sind, überflügelt zu werden, doch noch eine Zeit bleiben wird, in der wir wieder werden können, was wir sind — wenn wir auch nie mehr sein werden, was wir waren. Die Aufträge jedenfalls, die wir haben, unsere Missionen, sie sind noch nicht zu Ende. Noch führen wir die geistige Firma. Wir sollten sie ordnungsgemäß übergeben, nicht den Bankrott ansagen, um sie jenem zu überlassen, der sie, als erster, nehmen will.
GOETHE:
Zu Boisserée
Amerika, du hast es besser als unser Kontinent, der alte. Dich stört nicht im Innern zu lebendiger Zeit unnützes Erinnern und vergeblicher Streit.
Was möchte daraus geworden sein, wenn ich mit wenigen Freunden vor dreißig Jahren nach Amerika gegangen wäre und von Kant und so weiter nichts gehört hätte.
Zu Eckermann:
Ich danke dem Himmel, daß ich jetzt in dieser durchaus gemachten Zeit nicht jung bin. Ich würde nicht zu bleiben wissen. Ja, selbst wenn ich nach Amerika flüchten wollte, ich käme zu spät, denn auch dort wäre es schon helle.
An die Harvard Universität
Möge mir hierdurch das Vergnügen und der Vorteil werden, immer näher mit dem wundervollen Lande bekannt zu werden, welches die Augen der Welt auf sich zieht, durch einen gesetzlichen Zustand, der ein Wachstum befördert, welchem keine Grenzen gesetzt sind.