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Alexander Lernet-Holenia
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Der Irre und die sieben Soldaten

Alexander Lernet-Holenias Beide Sizilien als politischer Roman

Univ.-Prof. Dr. Wynfrid Kriegleder

In: Modern Austrian Literature, Vol. 40, No. 1 (2007), pp. 59-70, Published By: Association of Austrian Studies

Am 17. Oktober 1945 schrieb Alexander Lernet-Holenia an die Redaktion der im August dieses Jahres gegründeten und von der „Österreichischen Kulturvereinigung“ herausgegebenen „Monatsschrift für österreichische Kultur“ Der Turm einen Brief, der seine Reputation in der Literaturgeschichtsschreibung der nächsten fünfzig Jahre nachhaltig beschädigen sollte. Lernets kurzer Text, unter dem Titel „Gruß des Dichters“ im Doppelheft 4/5 (November/Dezember 1945) veröffentlicht, bezog sich auf das vorausgehende zweite Heft des Turms und enthielt folgende oft zitierte Zeilen:

Ein Programm, eine große Tendenz, die jahrelang verschüttet gewesen sind, erheben sich nun, buchstäblich, wieder aus dem Schutt. […] In der Tat brauchen wir nur dort fortzusetzen, wo uns die Träume eines Irren unterbrochen haben, in der Tat brauchen wir nicht voraus-, sondern nur zurückzublicken. […] wir sind, im besten und wertvollsten Verstande, unserer Vergangenheit, wir haben uns nur zu besinnen, daß wir unsere Vergangenheit sind − und sie wird unsere Zukunft werden.

Lernet-Holenias Brief gibt ein klares Programm für die weitere Entwicklung der österreichischen Literatur vor; es geht aber natürlich nicht nur um Literatur, sondern um die weitere Entwicklung des Staates Österreich. Das „Ausland“ werde „kein eigentlich neues“, sondern „im Grunde, das alte Österreich von uns erwarten“, fährt er fort, und seine Definition des „alten Österreich“ ist so provinziell nicht: ein Staat, der „das Prinzip enger Nationalität zugunsten seiner Kultur, seiner Lebensart und seiner politischen Tradition längst aufgehoben hatte“.

Dass Lernet-Holenia des weiteren dann durchaus problematische Positionen vertritt − eine „neue Generation von Talenten solle nicht herangezüchtet werden“, sondern werde von selber wachsen, und nach den „genauen Ursachen“ des „Unheils, das uns heimgesucht“ hat, zu forschen, sei „kleinlich“ − soll hier nicht weiter interessieren. Festzuhalten bleibt: Für Lernet-Holenia ist das „alte Österreich“ ein positiver Begriff, und dieses alte Österreich ist durch die „Träume eines Irren“ vorübergehend unterbrochen worden; es ist also 1918 keineswegs endgültig zerstört worden, und es ist 1945 restituierbar.

Interessanterweise hat Lernet-Holenia während der Nazizeit, genauer: zwischen 1938 und 1945, einen einzigen Roman veröffentlichen können. Es handelt sich um den 1942 erschienenen phantastischen Kriminalroman Beide Sizilien. Dieser sei ein „politisch gänzlich unverdächtige[s]“ Buch, urteilte noch 2004 Thomas Eicher (Eicher 13); eine Meinung, die sich immer wieder findet. Und dennoch: Der plot dieses Romans macht hellhörig, wenn man Lernet-Holenias Diktum vom Oktober 1945, von den Träumen eines Irren, der „uns“ unterbrochen habe, im Ohr hat. Denn in Beide Sizilien geht es um nichts anderes als um einen Irren, einen „Wahnsinnige[n]“, der sukzessive die überlebenden Offiziere des ehemaligen k. u. k. Regiments „Beide Sizilien“ ermordet. Und dass diese überlebenden Offiziere metonymisch für die untergegangene Habsburgermonarchie stehen, dass in ihnen das Reich „symbolisch ein zweites Mal, und diesmal endgültig“ sterbe (Funk 8), ist mehrfach betont worden. Ist es also möglich, in diesem von der nationalsozialistischen Zensur nicht beanstandeten Werk eine politische Botschaft zu finden? Eine Botschaft, die entweder Rückschlüsse auf Lernets unbewusste Beurteilung des österreichischen Anschlusses zulässt, oder die gar als gezielte, wenn auch verschlüsselte Stellungnahme zu den Ereignissen von 1938 gedeutet werden kann. Die folgende detaillierte Lektüre des Romans versucht eine Antwort auf diese Frage zu finden. Vorher sind aber zwei Voraussetzungen zu klären. Erstens: Was war die Position Lernet-Holenias während des Dritten Reichs, wie verhielt er sich dem Regime gegenüber? Und zweitens: Aufgrund welcher Indizien ist es möglich, einem während der Nazizeit in Deutschland erschienenen literarischen Text eine kritische Sicht der zeitgenössischen Ereignisse zu entnehmen?

Wenden wir uns zunächst dem biographischen Aspekt zu1. Alexander Lernet-Holenia ging 1938 nicht ins Exil. Die Nationalsozialisten hielten ihn für politisch unzuverlässig. Bereits 1933 war sein Gesamtwerk auf der ersten Schwarzen Liste Schöne Literatur als „schädlich“ eingestuft worden; etliche seiner Romane galten Alfred Rosenbergs NS-Kulturgemeinde als „für nationalsozialistisches Publikum untragbar“. (zitiert nach Wingertszahn) Dennoch versuchte das Regime nach 1938, den erfolgreichen Autor, der dem Nationalsozialismus mit einer aristokratischen Ablehnung gegenüberstand2, in den Kulturbetrieb einzubinden. Als ehemaliger österreichischer Reserveoffizier wurde Lernet-Holenia zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in die Wehrmacht eingezogen und nahm am Überfall auf Polen teil. Nach einer leichten Verwundung verbrachte er den größten Teil des Krieges nicht im Kampfeinsatz, sondern als Leiter der Heeresfilmstelle in Berlin.

Während der Nazizeit versuchte Lernet-Holenia zwei Romane zu veröffentlichen. Der erste, Mars im Widder, verbindet eine ziemlich realistische und detailgetreue, auf den Kriegstagebüchern des Autors beruhende Schilderung des deutschen Angriffs auf Polen mit einer phantastischen Handlung, folgt also dem bewährten Schema der Lernet’schen Erfolgsromane. Mars im Widder konnte 1940/41 unter dem Titel Die blaue Stunde als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift Die Dame erscheinen, nachdem er die Zensur der Wehrmacht passiert hatte. Für die Buchausgabe wurde allerdings auch die Zensur des Propagandaministeriums herangezogen, die den Roman im Juli 1941 prompt verbot, vor allem wohl, weil seine Darstellung des Kriegsbeginns der offiziellen deutschen Version des Geschehens völlig widersprach3. Die bereits gedruckten Exemplare durften nicht ausgeliefert werden; der S. Fischer Verlag verwahrte sie, bis sie alle bei einem Bombenangriff vernichtet wurden. Lediglich ein Korrekturexemplar des Autors überstand den Krieg; es diente 1947 als Grundlage der Erstausgabe. Mars im Widder wurde also von den Nationalsozialisten als subversives Buch erkannt und entsprechend behandelt. Seinen zweiten Roman, Beide Sizilien, konnte Lernet-Holenia hingegen ohne Probleme veröffentlichen; 1950 wurde er im Bermann-Fischer Verlag erneut herausgebracht.

Somit bleibt festzuhalten: Alexander Lernet-Holenia wurde während der Nazizeit als Autor zwar in Maßen behindert und galt als unzuverlässig; er hatte aber auch keine Sanktionen zu erleiden, und an seinem Roman Beide Sizilien wurde nichts beanstandet, obwohl sich der Verfasser knapp zuvor mit Mars im Widder eine ungehörige Aktion erlaubt hatte. Da, nach übereinstimmender Meinung der heutigen Kritik, Mars im Widder eine deutliche, wenn auch verdeckte und camouflierte politische Botschaft enthält4, liegt es nahe, auch im Fall von Beide Sizilien eine solche, in diesem Fall von der Zensur eben nicht entdeckte Botschaft zu vermuten.

Der Versuch, in literarischen Texten, die während des Dritten Reichs in Deutschland erscheinen konnten, nach einer geheimen oppositionellen Botschaft, einer „verdeckten Schreibweise“ zu suchen, stößt natürlich auf erhebliche methodische Probleme5. Das hermeneutische Prinzip, dass ein Text mehr wisse als sein Autor oder seine Autorin, dass es bei der Interpretation eines Textes darum gehe, den Text besser zu verstehen als der Autor/die Autorin dies konnte, wird hier umgekehrt. Bei der „verdeckten Schreibweise“ weiß der Autor mehr, als der Text zu enthüllen scheint, und es geht darum, dem Text ein Potential zu entlocken, das der Autor zugleich hineingelegt und sorgsam versteckt hat. Damit wird die Instanz des Autors ganz zentral − eine in der literaturwissenschaftlichen Theoriebildung bekanntlich nicht unumstrittene Kategorie. Verdeckte Schreibweise vermuten wir bei Autoren, denen wir dies aufgrund unseres außertextlichen Wissens zutrauen. Bei nationalsozialistischen Autoren werden wir von vorne herein nicht nach Beispielen „verdeckter Schreibweise“ fahnden, selbst wenn sie in ihren Texten dieselben Metaphern oder Motive verwenden sollten, die bei einem oppositionellen Schriftsteller als camouflierte politische Kritik decodierbar wären. Dem Versuch, Lernet-Holenias Beide Sizilien als Text zu lesen, in dem eine kritische politische Botschaft steckt, geht also ein Vor-Urteil voraus: Lernet-Holenia so etwas zuzutrauen, ihn als potentiell oppositionellen Autor einzuschätzen.6

Eine zweite Möglichkeit ist natürlich gleichfalls nicht auszuschließen. Lernet-Holenia, der nach 1945 den Anschluss Österreichs als die Tat eines Irren betrachtete, mag eine solche Sicht der Dinge schon nach 1938 gehabt haben, ohne sie wirklich zu reflektieren; sie mag in den Roman Beide Sizilien eingeflossen sein, ohne dass damit eine explizite politische oder gar widerständische Botschaft intendiert war. Doch auch in diesem Fall ist es von Interesse, näher zu untersuchen, welches Schicksal der Roman den weiterlebenden Exponenten der alten Monarchie zumutet, von wem die Bedrohung ihrer Existenz ausgeht und wie diese Bedrohung beendet wird.

Der Roman sei zunächst in aller Kürze beschrieben. Er umfasst 351 Seiten und besteht aus sieben Kapiteln, die jeweils den Namen eines der Akteure, eines der Angehörigen des Regiments „Beide Sizilien“ tragen „Engelshausen“, „Fonseca“, „Lukawsky“, „Rochonville“, „Silverstolpe“, „Marschall von Sera“, „Slatin“. In diesen Namen wird die multi-ethnische Natur des Regiments und damit der alten Monarchie deutlich. Das letzte Kapitel ist nicht, wie die anderen, nach einem Offizier benannt, sondern nach dem Korporal Slatin, dem einzigen der ehemaligen Soldaten, der inzwischen in bürgerlichen Verhältnissen lebt, als Familienvater ein Geschäft betreibt, und von dem einer der Offiziere „bezweifelt, daß Slatin die Veränderungen in seinem Leben als so großes Unglück empfinde.“(BS 64) Die Offiziere hingegen empfinden die Veränderungen als großes Unglück und können unter den neuen Verhältnissen nicht leben; am Endes des Romans sind die meisten von ihnen tot.

Die Geschichte spielt während weniger Wochen des Jahres 1925 und folgt dem Schema des Kriminalromans. Während einer Abendgesellschaft, an der der Oberst des Regiments, Rochonville, mit seiner Tochter Gabrielle teilnimmt, wird ein anwesender Offizier, Engelshausen, ermordet. Bei Engelshausens Begräbnis beschließen die anderen Offiziere, auf eigene Faust den Fall zu klären, da sie vermuten, Gabrielle sei in das Verbrechen involviert und eine polizeiliche Untersuchung würde unliebsame Informationen an die Öffentlichkeit bringen. (Der gesamte Roman fokalisiert lediglich auf die Offiziere des Regiments „Beide Sizilien“; es wird nie aus der Sicht der anderen Personen erzählt.7) Der ermittelnde Kommissar, der auf den krimi-tauglichen, da englischen Namen Gordon hört, ebenfalls ein ehemaliger Offizier, ist über die Aktivitäten der Hobby-Detektive naturgemäß wenig erfreut. Binnen kurzem verschwindet ein weiterer Offizier, Leutnant Fonseca, spurlos. Die Nachforschungen ergeben, dass Gabrielle ein Verhältnis mit einem russischen Emigranten, Konstantin von Pufendorf, hat. An dieser Stelle bricht die Kriminalhandlung zunächst ab Ein deutlich an Hofmannsthals Chandos-Brief angelehntes Schreiben8 des Oberleutnants Silverstolpe wird eingeschoben: Silverstolpe hat sich beim Begräbnis Engelshausens eine Blutvergiftung geholt; sein Kamerad Marschall von Sera besucht ihn auf dem Land und leistet ihm während seines Sterbens Gesellschaft. Adel und Untergang dominieren diese Kapitel, lange Gespräche und Traumerzählungen Silverstolpes führen weit von der städtischen Krimihandlung weg. Aber auch der Kriminalplot zerfleddert. Major Lukawsky, einer der Offiziere des Regiments, ficht ein Duell mit Gabrielles Liebhaber Pufendorf in Ungarn, wo die diesbezüglichen Gesetze laxer sind als in Österreich, und wird dabei verwundet; Pufendorf muss in eine milde Festungshaft. Gabrielles Vater, Oberst Rochonville, kommt bei einem Unfall ums Leben. Das Identitätsproblem rückt immer mehr ins Zentrum des Romans; Pufendorf hat einen merkwürdigen Doppelgänger, den seit Anfang des Romans präsenten, sich auch in der Mordnacht am Tatort befindlichen angeblichen Offizier Gasparinetti, auf den etliche Indizien als Mörder zu verweisen scheinen; Pufendorf und Gasparinetti teilen sogar identische Kindheitserinnerungen.

Im letzten Kapitel liefert Kommissar Gordon die Auflösung des Falls. Pufendorf, der inzwischen bei einem Fluchtversuch erschossen worden ist, war in Wirklichkeit ein russischer „Kammerjunker und Oberleutnant“ namens Alexejew, nach der Auffassung Gordons ein krankhaft eifersüchtiger „Wahnsinnige[r]“ (BS 347), der schon in den USA einen Eifersuchtsmord begangen hatte. Zufällig waren ihm auf der Flucht die Papiere des russischen Emigranten Pufendorf in die Hände gefallen, dessen Identität er nun annahm; der wirkliche Pufendorf hatte daraufhin seinerseits eine erborgte Identität annehmen müssen und sich Gasparinetti genannt. So weit, so unwahrscheinlich.

Beide Sizilien ist ein Kriminalroman. Unter dem Aspekt dieser Gattung betrachtet ist es allerdings ein misslungener Kriminalroman9. Im Vergleich zu den berühmten Romanen von Agatha Christie aus derselben Zeit10 verstößt Lernet-Holenia gegen die meisten Konventionen des Genres. Zwar wird am Ende das Rätsel gelöst und der Mörder präsentiert. Aber nur ein einziger Mord, der erste, an Engelshausen, wird ihm tatsächlich nachgewiesen − und dieser Mord soll auf eine Art und Weise verübt worden sein, die wohl kein Gerichtsmediziner ernst nehmen kann. Für die weiteren Todesfälle gilt Alexejew zwar dem Kommissar als „Täter“; jeder dieser weiteren Todesfälle ist aber, wie der Kommissar selbst eingesteht, ein Unfall gewesen; die Ermittlungen löschen sich letztlich selbst aus. Reinhard Lüth hat darauf verwiesen, dass der als klassischer Detektiv à la Sherlock Holmes im Hintergrund agierende Gordon sich letztlich nicht als rationalistischer Detektiv erweist, sondern „dem ‚Täter’ Schicksal auf die Spur kommt“ und eine fatalistische Perspektive hat, wenn er den Mörder als „ausfüllendes Organ“ eines „verhängnisvollen Ganzen“ sieht. (Lüth 230) Dass Beide Sizilien nicht in der Kriminalhandlung aufgeht, ist offensichtlich.11

Der Roman teilt viele Elemente mit dem sonstigen Oeuvre Lernet-Holenias. Franziska Mayer hat in ihrer jüngst erschienenen Monographie Lernet-Holenias Romane als Versuche gelesen, „Defizienz in der dargestellten Welt und in der Identität der Figuren durch narrative Sinnkonstruktionen nachträglich umzudeuten oder kompensatorisch zu bewältigen“ (Mayer 17), und hat neben den von ihr ausführlicher analysierten anderen Texten auch Beide Sizilien in ihre Betrachtung einbezogen. Die Konstanten des Lernet’schen Werks sind überdeutlich: instabile und changierende Identitäten; heteronome, vom Schicksal getriebene Figuren; Traumvisionen, in denen die Grenze zwischen Tod und Leben verschwimmt; der Verlust alter Ordnungs- und Wertsysteme; die reduzierte Erzählkompetenz. Auch eine historische Verortung der von Mayer konstatierten Merkmale − die obsessive Auseinandersetzung mit dem Ende der Habsburgermonarchie − trifft für Beide Sizilien zu. Dennoch soll der Roman im Folgenden unter einem eingeschränkten und einschränkenden Blickwinkel gelesen werden. Gesucht wird eine mögliche politische Botschaft, eine mögliche verdeckte Schreibweise.

Grundsätzlich lässt das zwei Lektürestrategien zu. Man kann erstens versuchen, den gesamten Roman − oder zumindest signifikante Handlungsstränge − auf eine zweifache Botschaft hin zu dekodieren. Bei Lernet-Holenia gibt es dafür einen Präzedenzfall. Sein 1937, also noch vor dem Anschluss, veröffentlichter Roman Der Mann im Hut handelt in erster Linie von einem an Heinrich Schliemann erinnernden Abenteurer, der in Ungarn das Grab des Hunnenkönigs Attila sucht, in dem er große Schätze vermutet; was er hingegen findet, ist das Massengrab der hingemetzelten Nibelungen. Die Forschung ist sich ziemlich einig, dass dieser Erzählstrang, in den eine ausführliche Nacherzählung des Nibelungen-Mythos verwoben ist, eine deutliche Warnung vor einem befürchteten neuen Krieg in Osteuropa darstellt; dass also der gesamte Roman allegorisch gelesen werden kann.

Es gibt aber, zweitens, eine weitere Lektürestrategie. Einzelne scheinbar wenig motivierte Passagen des Romans, kleinere Details können auf eine verdeckte Botschaft hin befragt werden. Erwin Rotermund hat als Kriterium vorgeschlagen, dass ein Verstoß gegen die von der Pragmalinguistik postulierten Konversationsprinzipien − das Quantitäts-, Qualitäts-, Relevanz- und Modalitätsprinzip − den Verdacht auf eine verdeckte Schreibweise aufkommen lässt. Mit anderen Worten: Textpassagen, die für die Ökonomie der Handlungsführung zu ausführlich, zu unwichtig oder irrelevant scheinen, könnten eine geheime Botschaft transportieren. Auch dafür findet sich übrigens in dem erwähnten Roman Der Mann im Hut, ein signifikantes Beispiel, das zumeist als politisches Statement identifiziert wird. Der Roman enthält eine für den Handlungsverlauf irrelevante, sich aber über mehrere Seiten erstreckende Passage, in der das Hereinbrechen eines Gewitters erzählt wird, das, entgegen allen Erwartungen, aus dem Westen und nicht aus dem Osten kommt. Dieser unvorhergesehene Herkunftsort des Unwetters wird derart auffällig betont, dass eine verdeckte Absicht mehr als wahrscheinlich erscheint.

Werfen wir, nach diesen Präliminarien, einen Blick auf den Beginn des Romans Beide Sizilien. Wenn man, hellhörig und mit einer „verdeckten Schreibweise“ rechnend, ein Buch zu lesen beginnt, besteht natürlich die Gefahr, dass man, überinterpretierend, eine Signifikanz auch in jenen Passagen vermutet, die lediglich den von Roland Barthes beschriebenen Realitätseffekt herstellen: also Informationen, die zwar für die Konstruktion der fiktionalen „story“ irrelevant sind, aber jenen Effekt von redundanter Welthaftigkeit herstellen, dessen die realistische Literatur von je her bedarf. Der Beginn des Romans Beide Sizilien kann unter diesem doppelten Aspekt gelesen werden. Einerseits wird hier, ganz traditionell, der Eingang eines realistischen Romans entworfen, werden Ort, Zeit und Hauptfiguren konstruiert: Wir befinden uns im Jahr 1925, der Oberst des ehemaligen Regiments „Beide Sizilien“, Rochonville, schaut aus dem Fenster seiner Wohnung nahe der alten Universität in einer ungenannten Stadt, die natürlich Wien ist, kleidet sich für eine abendliche Veranstaltung an und holt seine Tochter Gabrielle aus ihrem Zimmer ab. Soweit, so gut. Aber was soll man aus der Farbsymbolik machen, gleich im zweiten Absatz, wo der Oberst, aus dem Fenster schauend, Tauben erblickt, „Tauben aller Art, braune, grünschillernde und weiße mit purpurfarbenen Füßen“ (BS 7), Tauben, die leitmotivartig auch in all den folgenden Kapiteln auftauchen? Könnte den genannten Farben eine politische Signifikanz zukommen? Der Versuch, einzelne Details auf eine verborgene Botschaft zu befragen, dürfte allzu sehr in der Willkür des Interpreten befangen bleiben. Sicherlich kann man scharfsinnig hinter jedem erwähnten „braun“ eine tiefere Bedeutung suchen, kann man in der Tatsache, dass der Mörder in der Jordangasse wohnt, „welche zum Judenplatz führt“ (BS 95) − eine im Romankontext irrelevante Information − einen Hinweis worauf auch immer vermuten. Man kann aber zweifellos diese Hinweise auch nicht sehen.

Weiter kommen wir vielleicht, wenn wir eine generell-allegorische Lektüre des Romans vorschlagen, wie das erstmals Robert Dassanowsky in seiner bahnbrechenden Untersuchung Phantom Empires durchgeführt hat. Unter Berufung auf Hugo Schmidt sieht Dassanowsky in dem Schicksal der Offiziere das Ende der Habsburgermonarchie reflektiert − „the demise of a cultural era, a mode of existence“ (Schmidt 303). Ich möchte im Folgenden daran anschließen und darüber hinaus den Roman auch als allegorische Darstellung des Anschlusses von 1938 lesen.

Wenn das Regiment „Beide Sizilien“ pars pro toto für die untergegangene, aber in veränderter Gestalt, eben als Republik, weiterlebende Monarchie steht, dann lassen sich an diesem Regiment und an dieser Republik drei unterschiedliche Aspekte diagnostizieren. Drei Aktanten bzw. Gruppen von Aktanten personifizieren diese drei Aspekte.

Erstens, und am offensichtlichsten, stehen die sechs adeligen Offiziere für die alte Monarchie und die neue Republik. Was sie gemeinsam haben, ist eine Verlusterfahrung. Die alten Werte gelten nicht mehr. Die Männer haben ihre alten Positionen verloren und sind inzwischen entweder in bürgerlichen Berufen tätig oder wir erfahren überhaupt nicht, wovon sie mittlerweile leben. Immer wieder geht ihnen, vor allem dem Regimentschef Rochonville, durch den Kopf, dass es eigentlich ihre Aufgabe gewesen wäre, das Ende des Regiments und damit das Ende der Monarchie auch physisch nicht zu überleben. Sie erweisen sich dementsprechend unter den Bedingungen der Republik als lebensunfähig; am Ende des Romans werden vier der Offiziere tot und einer verwundet sein.

Es überlebt interessanterweise nur einer unbeschadet, der Rittmeister Marschall von Sera. Marschall fällt in mancher Hinsicht aus der Reihe. Nur von ihm liefert der Erzähler eine ausführliche Genealogie (BS 195ff.): Marschall ist in dieser Hinsicht der ehrwürdigste der Aristokraten des Regiments, sein Adel geht auf den dubiosen Kreuzzug Friedrichs II. zurück; er trägt den Titel eines Marschalls von Jerusalem. In ihm ist die Habsburgermonarchie verknüpft mit der mittelalterlichen Kaiseridee, mit dem christlichen Kosmos.

Marschall ist sich außerdem bewusst, dass seine positive Erinnerung an das Regiment eine Folge von dessen Bedrohung ist. „Die Erinnerung verklärte es“, heißt es in einer auf ihn fokalisierten Passage, und noch deutlicher: „Marschall hatte […] niemals sehr sentimentale Beziehungen zu seinem Regiment gehabt, und nach dem Kriege weniger als je.“ (BS 254) Erst jetzt, da die überlebenden Offiziere des Regiments ums Leben kommen, setzt die Nostalgie ein. Der habsburgische Mythos wird wirksam erst als der Nachfolgestaat bedroht ist.

Marschall wird vermutlich nach dem Ende der Romanhandlung Gabrielle heiraten. Er macht ihr aus Pflichtbewusstsein, einem Wunsch des sterbenden Silverstolpe folgend, einen Heiratsantrag. (BS 283ff.) Als letzter der überlebenden Offizier des Regiments weiß er, dass er sich mit diesem Antrag in Gefahr begibt, da alle an Gabrielle interessierten Männer ums Leben kommen; er bittet sie aber trotzdem, ihn zu akzeptieren. Die Personifikation der alten Ordnung lässt sich, trotz des Risikos, mit der neuen Zeit ein.

Gabrielle ist nämlich die zweite Personifikation des österreichischen Staates; sie verkörpert einen weiteren Aspekt. Sie ist die Tochter des Regimentskommandanten, die Erbin, die nächste Generation − die erste Republik. Sie sei „eine schöne Person“, die sich „mit einer gewissen Gleichgültigkeit, ja Nachlässigkeit“ trage; ihre Schönheit komme „eigentlich immer erst nach einiger Zeit zur Geltung“, „der Gegensatz zwischen der Gleichgültigkeit, mit der sie sich trug, und ihren Vorzügen“ machten ihre „eigentümlichsten Reiz“ aus, kommentiert der Erzähler. (BS 9) Gabrielle ist das Objekt der Begierde des wahnsinnigen Alexejew, der sich in die auf den ersten Anblick unscheinbare Frau verliebt und seinen Nebenbuhler ermordet. Es gelingt ihm, Gabrielle zu verführen; zumindest vorübergehend wird sie ihm verfallen. Ist es eine Überinterpretation, in Gabrielle eine Allegorie der ersten Republik zu sehen, die von einem ausländischen Wahnsinnigen − Hitler? − verführt wird, nachdem er seinen Nebenbuhler − Dollfuß? − ermordet hat? Die erste Republik wäre dann eine erlösungshungrige Frau12. Am Ende, nachdem der wahnsinnige Mörder beseitigt ist, verbinden sich − voraussichtlich − Gabrielle, die Verkörperung der Republik, und Marschall von Sera, der die übernationale christliche Kultur verkörpert.

Eine dritte Personifikation der Kontinuität von der Monarchie in die Republik stellt schließlich jenes Mitglied des Regiments dar, das im Roman nie als Akteur auftritt, aus dessen Perspektive nie erzählt wird, nach dem aber dennoch das letzte Kapitel benannt ist: Korporal Slatin, der bürgerliche Soldat, für den das Ende der Monarchie keine Verlusterfahrung war, da er sich problemlos in eine bürgerliche Existenz gefunden hat. „Wir müssen uns enger aneinanderschließen, Slatin, noch enger als bisher…“, sagt Marschall beim Abschied zum Korporal, auf der vorletzten Seite des Romans. Die neue, künftige Republik: selbstverständlich auf den alten − aristokratischen?, christlichen? − Werten beruhend, aber ständeübergreifend und allgemein − eine große Koalition.

Der Roman Beide Sizilien erzählt, in meiner allegorischen Lektüre, von der Gefährdung der Republik und von der Hoffnung auf ihre Wiederauferstehung13. Gefährdet wird sie durch die Aktionen eines von außen kommenden Wahnsinnigen, es ist aber offensichtlich, dass die Republik dessen Aktionen keinen Widerstand entgegensetzen kann. Denn einerseits ist die Republik, personifiziert in den Offizieren, lebensunfähig und lebensunwillig, nicht in der Lage, sich von der Last der Tradition zu lösen. Andererseits ist sie, verkörpert in Gabrielle, dem Wahnsinnigen verfallen, gibt sich ihm hin und erkennt zu spät, dass seine Identität eine erschlichene ist. Der wahnsinnige Alexejew zerstört keineswegs eine funktionierende Gruppe von Menschen; er führt größtenteils nur indirekt die Todesfälle herbei − die Aufklärung der Kriminalhandlung ist ja ziemlich ungenau und vage. Allerdings versucht Alexejew zu verhindern, dass sich Gabrielle mit einem Mitglied des Regiments verbindet, und ermordet Gabrielles ersten Bewerber. Allegorisch gelesen: Die Nationalsozialisten, personifiziert in einem „Irren“, in Hitler, verhindern gewaltsam den Aufbau einer Österreich-Ideologie, wie sie etwa Dollfuß versucht hat (der ermordet wurde); sie versuchen, die Republik auf ihre Seite zu bekommen.

Die Lösung des Kriminalfalls ist natürlich keine wirkliche Lösung. Der Irre ist tot, und niemand weiß etwas Genaues. Gabrielle und Marschall machen weiter; wir setzen fort, „wo uns die Träume eines Irren unterbrochen haben“, wird Lernet-Holenia 1945 formulieren − freilich lädiert und dezimiert.

Daher ist auch die politische Perspektive des Romans ambivalent. Einerseits vertreten die Offiziere des Regiments “Beide Sizilien“ ein nicht lebensfähiges Österreich und können als anachronistische Existenzen den Gefährdungen des neuen Staats auch keinen Widerstand entgegensetzen. Der Irre ist lediglich Katalysator des Untergangs; der Nationalsozialismus zerstört einen Staat, der die Wurzeln des Untergangs in sich trägt. „Wenn man weiß, daß man nicht mehr leben wird, lebt man besser, als wenn man meint, weiterleben zu müssen.“, schreibt Silverstolpe, der sich am Leichengift angesteckt hat. (BS 146) Andererseits bietet der Roman eine Zukunftsaussicht, in der sich Gabrielle, Marschall und Slatin verbinden, in der auf den Trümmern der alten Ordnung, und ironischerweise gerade infolge der Lebensbedrohung durch den Irren, ein Neuanfang unternommen wird; ein Neuanfang, der aber nur eine Fortsetzung des schon Gehabten ist. In der Romanhandlung bleibt das alles Zukunftsmusik; der störende Irre wird beseitigt, an ihn muss kein Gedanke mehr verschwendet werden. „In der Tat brauchen wir nur dort fortzusetzen, wo uns die Träume eines Irren unterbrochen haben“, formuliert Lernet-Holenia 1945. Dass diese unterbrochene Existenz keineswegs so unproblematisch war und dass sich Gabrielle sehr gern mit dem Verführer eingelassen hat, das zeigt zwar der Roman; in Lernet-Holenias „Gruß des Dichters“ im Turm ist dieser Aspekt aber ausgeklammert.

Bibliographie:

Dassanowsky, Robert: Phantom Empires. The Novels of Alexander Lernet-Holenia and the Question of Postimperial Austrian Identity. Riverside: Ariadne Press 1996.

Ehrke-Rotermund, Heidrun: Pragmatisch-zeitgeschichtliche Aspekte der „Verdeckten Schreibweise“. (Korreferat [sic!] zum Vortrag von Erwin Rotermund.) Holzner 39-45.

Eicher, Thomas u. Bettina Gruber, Hrsg. Alexander Lernet-Holenia. Poesie auf dem Boulevard. Köln, Wien, Weimar: Böhlau 1999.

Eicher, Thomas: Alexander Lernet-Holenia und die österreichische Nachkriegszeit. Schuld-Komplexe. Das Werk Alexander Lernet-Holenias im Nachkriegskontext. Hrsg. Hélène Barrière, Thomas Eicher u. Manfred Müller. Oberhausen: Athena Verlag 2004. 9-24.

Funk, Gerald: Artistische Untergänge. Alexander Lernet-Holenias Prosawerk im Dritten Reich. (=Schriftenreihe und Materialien der Phantast. Bibliothek Wetzlar 68). Wetzlar 2002.

Holzner, Johann u. Karl Müller, Hrsg. Literatur der ‚Inneren Emigration’ in Österreich. (=Zwischenwelt 6). Wien: Döcker 1998.

Hübel, Thomas: Von der Mongolisierung zur Modernisierung. Zu einigen Aspekten von Alexander Lernet-Holenias Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Eicher, Alexander Lernet-Holenia. Poesie auf dem Boulevard. 163-176.

Lernet-Holenia, Alexander: Beide Sizilien. Berlin: Suhrkamp 1942.

Lüth, Reinhard: Drommetenrot und Azurblau: Studien zur Affinität von Erzähltechnik und Phantastik in Romanen von Leo Perutz und Alexander Lernet-Holenia. Meitingen: CORIAN-Verlag 1988.

Mayer, Franziska: Wunscherfüllungen. Erzählstrategien im Prosawerk Alexander Lernet-Holenias. Köln/Weimar/Wien: Böhlau 2005.

Pollet, Jean-Jacques: Alexander Lernet-Holenias Neo-Kriminalistik. Eicher, Alexander Lernet-Holenia. Poesie auf dem Boulevard. 163-176.

Roček, Roman: Die neun Leben des Alexander Lernet-Holenia. Eine Biographie. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 1997.

Rotermund, Erwin: Vorüberlegungen zur Poetik, Rhetorik und Hermeneutik der ‚Verdeckten Schreibweise’ im „Dritten Reich“. Holzner 27-38.

Schmidt, Hugo: Alexander Lernet-Holenia. Major Figures of Modern Austrian Literature. Ed. Donald G. Daviau. Riverside: Ariadne 1988. 285-313.

Der Turm. Monatsschrift für österreichische Kultur. Hg. v. d. Österreichischen Kulturvereinigung. 1. Jahrgang. Nr. 4/5 (November/Dezember 1945).

Wingertszahn, Christof: Blaue Stunde im Krieg. Alexander Lernet-Holenias fantastisches Zwischenreich. Dennoch leben sie. Verfemte Bücher, verfolgte Autorinnen und Autoren. Zu den Auswirkungen nationalsozialistischer Literaturpolitik. Hrsg. Reiner Wild in Zusammenarbeit mit Sabina Becker, Matthias Luserke-Jacqui und Reiner Marx. edition text + kritik 2003. 221-230.

Wögerer, Erika: Innere Emigration und historische Camouflage in Österreich: zum Widerstandspotenzial in den historischen Romanen des Rudolf Henz. Frankfurt, Wien etc.: Lang 2004.

Anmerkungen:

1 Sehr detailliert aufgearbeitet ist Lernet-Holenias Biographie bei Roman Roček.
2 Symptomatisch ist ein Satz, den Lernet-Holenia am 27. Mai 1933 in einem Brief an Gottfried Benn schrieb, nachdem dieser sich zum neuen Staat der Nationalsozialisten bekannt hatte: „Der Künstler hat nicht mitzumachen, was die Nation tut, sondern die Nation hat mitzumachen, was der Künstler tut.“ (Zitiert nach Hübel).
3 Der Roman erzählt dezidiert, dass der Angriffsbefehl um 4.45 Uhr erfolgt. Hitler hat bekanntlich den deutschen Angriff auf Polen mit dem Satz gerechtfertigt: „Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen!“
4 Dassanowsky hat Mars im Widder schon 1996 einer ausführlichen Analyse unterzogen und das Widerstandspotential des Romans herausgearbeitet.
5 Vgl. dazu Erwin Rotermund, der einen Zugang einerseits über die Rhetorik, andererseits über Verstöße gegen die von der Pragmalinguistik etablierten Konversationsprinzipien sucht. Weiterführende Überlegungen bei Heidrun Ehrke-Rotermund.
6 Zum Problem, die spätere Selbst-Einschätzung von Autoren hinsichtlich „verdeckter Schreibweise“ mit dem tatsächlichen Textbefund in Übereinstimmung zu bringen, vgl. Erika Wögerer.
7 Zur Erzähltechnik in dem Roman interessante Beobachtungen bei Lüth, 222-231.
8 „Dies ist der Brief, den gegen Ende Juni jenes Jahres, Silverstolpe an den Rittmeister Marschall von Sera gerichtet“, heißt es unvermittelt S. 138; Hofmannsthals Text beginnt bekanntlich „Dies ist der Brief, den Philip Lord Chandos, jüngerer Sohn des Earl of Bath, an Francis Bacon, später Lord Verulam und Viscount St. Albans, schrieb […]“ Dassanowsky verweist übrigens S. 113 darauf, dass das Kapitel „Silverstolpe“ als Fragment bereits 1924 entstand.
9 Dassanowsky schreibt S. 118 ganz direkt: “Beide Sizilien is certainly not a successful mystery novel”.
10 Z. B. Death on the Nile (1937) Hercule Poirot’s Christmas (1938), Evil Under the Sun (1941), The Body in the Library (1942).
11 Ich würde allerdings Jean-Jacques Pollets Behauptung, dass Lernet-Holenia „lange vor Dürrenmatt, Robbe-Grillet oder Handke die literarische Destruktion der Gattung Kriminalliteratur unternimmt“ (Pollet 176), insofern abschwächen, als es den Genannten primär darum geht, ein im literarischen Feld wohl etabliertes Genre zu destruieren, während Lernet-Holenia das Genre lediglich als Vehikel benützt, um seine Inhalte an der Zensur vorbeizubringen. Einen Akt der Umwertung auf dem literarischen Feld zu initiieren oder die Konstruktionsregeln des Kriminalromans sichtbar zu machen dürfte ihm fern gelegen sein.
12 Es sei an Ernst Jandls berühmtes Anschlussgedicht „wien. heldenplatz“ erinnert: „und den weibern ward so pfingstig ums heil [/] zumahn: wenn ein knie-ender sie hirschelte“.
13 Bereits Robert Dassanowsky hat festgestellt, dass sich Lernet-Holenia in seinen beiden während der Nazizeit geschriebenen Romanen, Mars im Widder und Beide Sizilien, infolge seiner Ablehnung des 3. Reichs zu jener österreichischen Republik bekannte, die er zuvor abgelehnt hatte, vgl. Dassanowsky 119.