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Alexander Lernet-Holenia
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Notiz aus der Schweiz, Essay von Alexander Lernet Holenia

Erschienen in: Der Turm 1. Jahrgang / N.10, S.281-282, Wien, 1946

Seit den Tagen von Morgarten und Sempach haben sich die Beziehungen zwischen der Schweiz und Österreich erheblich gebessert, und zeitweise — wenn nicht gerade ein Teil unserer Bevölkerung mit Hilfe einer unserer absonderlichsten Hervorbringungen, Hitlers, den Versuch unternommen hatte, die Welt zu unterwerfen — waren es sogar herzliche Beziehungen gewesen. Ja, im Grunde hätten wir, zumindest in den letzten Jahrzehnten, nichts Besseres zu tun gehabt, als in der Schweiz Demokratie zu studieren. Aber freilich waren wir durch allerhand Umstände verwirrt worden. Wenn wir zurückblicken, haben wir uns zu gestehen, daß wir in den verflossenen dreißig Jahren, nacheinander, einer Großmacht, einer kleinen Republik, einem Bundesstaat und einem mehr als gefährlichen Weltreich angehört haben — von unserem jetzigen Zustand ganz zu schweigen —: zu vielen Staatsformen jedenfalls, als daß der schwerfälligere Teil unseres Volkes hätte zur Besinnung kommen können.

Der Schweiz, so offen sie, durch bedeutende Teile ihrer Bevölkerung, auch der französischen und italienischen Kultur steht, ist nun vor allem die Aufgabe zugefallen, den Rhythmus jener Geistigkeit, Kultur und Zivilisation, die sich der deutschen Sprache bedient, in den wirklichen Frieden hinüberzuretten. Eine seltsame Erscheinung aber bietet sich dem Auge desjenigen, der, in den Schweizer Städten, Gelegenheit findet, wieder den Büchermarkt der Welt zu überblicken. Es ist nämlich, als sei in diesem Kriege nicht nur ein großer Teil Europas, sondern auch die meiste europäische Literatur ausgelöscht worden. Von der deutschen, jedenfalls, läßt sich sagen, daß sie nur mehr in Spuren vorhanden ist. Ich meine nicht die Bücher, die Bibliotheken; ich meine die lebendigen Autoren. Und auch aus dem Auslande dringt kein Klang überwältigender Namen zu uns.

Was bedeutet diese Stille, diese dem Aufschwung nach dem ersten Weltkriege ganz unähnliche, unerwartete Erstarrung? Hat alle Größe uns verlassen und blickt sie nur mehr, aus dem Gewölk, auf unsere Wüste herab? Wo ist die neue Plastik, die neue Malerei? (Ich meine nicht bloß: einzelne Maler und Bildhauer, da und dort. Ich meine: eine Gesamtheit.) Hebt sich von all den Versuchen in der Musik schon der neue Genius ab? Hat der Film Fortschritte gemacht — es sei denn in der Farbe? Worauf wartet die Welt, um wieder eine Welt zu werden?

Die Zukunft wird es uns zu lehren haben. Wir waren verwöhnt, und vielleicht stehen wir wieder an einem Beginn — zum mindesten von einem der Akte des großen Dramas, das sich nicht mehr durch uns vollzieht —, aber wir scheinen noch nicht entschlossen, wirklich wieder zu beginnen. Man hatte gemeint, die Schreibtischladen müßten von selbst aufbersten von der Fülle unterdrückt gewesener Manuskripte. Aber nichts — oder nur sehr wenig desgleichen — geschieht.

Der äußerst unangenehme Schluß drängt sich auf, daß, zum Beispiel, die „Bewirtschaftung" der deutschen Literatur durch die sogenannte Reichsschrifttumskammer erst möglich gewesen sei, weil es faktisch nichts — oder fast nichts mehr — zu bewirtschaften gegeben habe, — so daß, füglich, auch jene unglückliche Institution genügt hätte, dieses Nichts zu vernichten. Ja, es könnte, in diesem Verstande, auch der ganze Krieg nur möglich gewesen sein, weil es nur mehr äußerliche, keine innere Zerstörung mehr gegeben habe. Diese Erkenntnis aber würde uns die enorme Verpflichtung auferlegen, ganz neu, wieder anzufangen, von Grund auf, in uns selbst, und nicht bloß unsere kulturellen Erinnerungen weiterzupflegen, sondern unsere ganze Person, wie Tagwerker, in schwerer, in schwerster Arbeit in den Dienst eines solchen völligen Anfangs zu stellen. Wir sagen's nicht nur unserem eigenen, wir sagen's auch allen anderen Völkern. Denn was uns im Auslande verblüfft, ist nicht die Fülle der Waren, die Menge der Wagen, die Ordnung, die Sauberkeit: es ist der Umstand, daß die Welt, seit wir von ihr abgeschlossen gewesen sind, stehengeblieben, wenn nicht sogar um ein weniges zurückgewichen ist; daß sie wartet — genau wie wir warten. Worauf aber? Auf Impulse aus sich selbst, offenbar. Von außen her ist durch den Krieg Zahlloses in Gang gesetzt worden. Der Waffenstillstand scheint nicht bloß ein Stillstand der Waffen, sondern auch der lebendigen Bewegung überhaupt geworden zu sein. Bewegt sein, leben werden wir nur aus unserem Inneren können. Wenn wir nicht aus uns selbst, von unserem Geiste, von unserem Glauben her uns und unsere Welt wieder in Gang bringen, werden wir stillstehen auf immer. Wir haben ein gut Teil unserer Feinde überlebt, wir haben — oft mit den unglaublichsten Mitteln — überstanden, aber dieses Überstehen wäre ein bloßes Vegetieren, wäre sinnlos gewesen, wenn wir nun nicht wüßten, wozu wir überstanden haben.