Mars im Widder - Rezension Wolfgang Schneditz (1947 Deutsch)
In: das silberboot, Ernst Schönwiese (Hrsg.), 3. Jahrgang, 7. Heft, 1947

Vor mehr als zehn Jahren hatte Alexander Lernet Holenia eine Erzählung erscheinen lassen, den „Baron Bagge“, eine jener Dichtungen, die er selbst zu seinen besten zählt. Ein sehr merkwürdiges Buch, das den Untertitel „Von Traum und Wirklichkeit" trägt. In der Reihe der im Gegensatz zu seiner Lyrik qualitativ recht unterschiedlichen Prosa, von der der Dichter selbst einen großen Teil als unwesentlich abschreibt, - erkennen wir heute vor allem diesen „Baron Bagge“ als gültig an. Sein vor kurzem im Verlag Bermann-Fischer in Stockholm erschienener Roman „Mars im Widder" ist schlechthin meisterlich: in seiner Form, seiner Fabel, seiner Sprache.
„Mars im Widder" ist im Ablauf von nur drei Monaten nach dem Polenfeldzug des Herbstes 1939, an dem Lernet-Holenia, sehr wider seinen Willen, teilnehmen mußte, geschrieben worden, erschien bald darauf in einer Zeitschrift des Deutschen Verlages und wurde dann bei S. Fischer in einer Auflage von 15.000 Exemplaren als Buch gedruckt. Doch wurde der Verkauf des Romans vom Propagandaministerium und von der Wehrmacht verboten; die gesamte Auflage verbrannte einige Jahre danach gelegentlich eines Bombardements von Leipzig bis auf jenes einzige Exemplar, das der Dichter besaß und das Bermann Fischer nun in Stockholm nachgedruckt hat.
Mit dem Einbruch des Übersinnlichen in die Welt unserer Sinne, der Darstellung einer Zwischenwelt aus Traum und Wirklichkeit, hat sich Alexander Lernet Holenia wiederholt beschäftigt. Das erste Mal im „Baron Bagge“. Dort spielt sich das Hauptgeschehen, die eigentliche Handlung, im Traum ab, in der tief- und hintergründigen Welt des „Drüben“, in den Bereichen der „frühe Entwöhnten“, um einen treffenden Ausdruck des späten Rilke zu gebrauchen. Die Vorgänge des anhebenden zweiten Weltkrieges bilden den Hintergrund für die Fabel.
Ein Leutnant von Wallmoden, - sichtbar trägt er autobiographische Züge - einstiger Angehöriger der österreichischen Armee im ersten Weltkrieg, macht gerade zu dem Zeitpunkt eine pflichtgemäße militärische Übung mit, da ihn der Strudel der Ereignisse mit sich fort reißt in den Rachen der fürchterlichen Kriegsmaschine. In den letzten knappen Tagen, die ihm vor den Ereignissen in Wien übrig bleiben, begegnet er einer gewissen Baronin Cuba Pistohlkors, die, gefährlich undurchsichtigen Gesellschaftskreisen angehörend, seine Aufmerksamkeit und, ob ihrer Schönheit, auch sein Herz an sich zieht. Die Pflicht läßt ihn sie nur allzu bald wieder verlieren und doch will er sie, noch immer nicht an den blutigen Ernst des Krieges glaubend, am 16. September 1939 wiedersehen. Zwischen den letzten Augusttagen in Wien und jenem 16. September tut sich eine fremde und schreckliche Welt auf für Wallmoden, in welcher aber das Gefühl seines Herzens nicht abreißt und der Gang seiner Gedanken immer wieder um die Geliebte kreist. Schlachten werden geschlagen, die Front rückt vor, Traumereignisse wirken in die sich überstürzenden Ereignisse hinein, und schließlich genau am 16. September 1939, zur Stunde zu welcher Wallmoden Cuba verabredungsgemäß in Wien treffen soll, findet er, aus dem Kriegsgetriebe plötzlich herausgehoben, in einem verlassenen polnischen Gutshof eine andere Frau, völlig verlassen von der Umwelt, die sich ihm gerne anheimgibt. Damit schließt sich der eigentliche Handlungskreis des Romans.
Diese Episode und eine andere, in welcher der Dichter Wallmoden ein altes venezianisches Liebeslied finden läßt, sind Kabniettstücke für sich in diesem außerordentlichen Romangebilde.